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Christoph Ransmayrs Erzählungen : Das scheinbar Fernste in der Nähe

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Für Schamanismus hat Christoph Ransmayr schon lange ein Faible. Doña Juliana (85 Jahre) und Don Lorenzo (100 Jahre) aus den peruanischen Anden auch. Bild: Diana Bagnoli

Qualitäten eines Narbenmannes: In seinem neuen Buch „Arznei gegen die Sterblichkeit“ sucht Christoph Ransmayr in drei Geschichten nach Gerechtigkeit für die Vergangenheit.

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          Alle vier kurzen Texte dieses schmalen Bandes haben einen verspiegelten doppelten Boden. Drei von ihnen sind Reden, die der Wiener Schriftsteller Christoph Ransmayr hielt, als er Preise entgegennahm: 2018 den Würth-Preis für Europäische Literatur, 2017 den Marieluise-Fleißer-Preis sowie 2018 den Kleist-Preis. In jeder dieser Reden erzählt Ransmayr eine sehr persönliche Geschichte, welche er zum Anlass nimmt, über das Erzählen als menschliche Fähigkeit und deren Notwendigkeit reflektieren.

          Der passionierte Entdecker und emphatische Beobachter des Fremden berichtet von einem „Mädchen im gelben Kleid“, das ihm als Reisendem in Ostafrika begegnet. Er bettet sie in eine historische Landschaft ein, in welcher der europäische Auftritt auf diesem Kontinent in Eroberung, Ausbeutung, Sklaverei und Völkermord gipfelte. Das Mädchen schleppt Wasser; dem Kind auf der Straße durch das Nichts lastet der Kanister schwer, während parallel dicke Rohre ausländischer Unternehmen Wasser auf Plantagen pumpen. Immer noch geschieht hier Ausbeutung, die Rechnungen für die europäischen Raubzüge sind nach wie vor unbezahlt, und den Plünderern wurden Monumente erschaffen.

          Ransmayr nimmt diese Begegnung auf seinem Weg ins Ruwenzori-Gebirge zum Anlass, in einem langen Absatz die politisch-moralische Aufgabe zu formulieren, die dem Erzähler zufällt: Literatur soll eine Basis für das Verständnis des Fremden schaffen, sie soll von Sehnsüchten und Leiden der anderen berichten und damit „gelegentlich Brücken schlagen zwischen der nächsten Nähe und dem scheinbar Fernsten, dem Vertrauten und dem Rätselhaften und, ja, auch zwischen dem eigenen Reichtum und dem Elend, das diesen Reichtum erst möglich werden ließ“. Es gehört zur Meisterschaft Ransmayrs, dass auch in dieser kurzen Geschichte beide Aspekte poetisch verschränkt sind, der Schrecken benannt wird und zugleich im letzten Satz die Hoffnung auf Menschlichkeit und Gerechtigkeit nachklingt. Man hat den Eindruck, dass gerade das weltzugewandte Reisen beim Autor Ransmayr diesen emphatischen Pendelblick verfeinert hat.

          Inspiration auf dem Fußballplatz

          Das Zentrum einer autobiographischen Schilderung aus Jugendtagen bildet ein ransmayrsches Eigentor auf dem Fußballplatz. „Eine Zierde für den Verein“, echauffierte sich daraufhin sein schimpfender Trainer, und der jahrzehntelang nachhallende Satz wird Titel der Erzählung und ist Anlass, den stilistischen Wurzeln des eigenen Schreibens nachzugehen. Denn der zornige Dorfpatriarch-Trainer zitierte, was dem jungen Kicker zunächst unbekannt blieb, einen Romantitel von Marieluise Fleißer. Dessen Lektüre ermöglicht Ransmayr, nachdem er das Buch Fleißers entdeckt hat, nicht nur das Sportdrama neu zu interpretieren. Es beflügelte ihn zudem, sich anstelle von Gedichten in Erzählungen zu versuchen. Denn Prosa konnte offenbar auch lyrisch sein, lehrte ihn die Dichterin.

          Christoph Ransmayr

          Ein literarisches Denkmal setzt Ransmayr in „An der Bahre eines freien Mannes“ seinem Vater, den er zu Beginn des Texts mit den schweren Worten vorstellt, dieser sei Michael Kohlhaas gewesen. Denn wie die kleistsche Figur wird sein Vater zu Unrecht beschuldigt, angeklagt und zunächst verurteilt.

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