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Christoph Peters’ Reisetagebuch : Im Land der aufgehenden Erwartungen

Disziplin auch unter unerquicklichen Bedingungen, erwartungsgemäß erlebt von Christoph Peters in Tokio Bild: Herman Wouters/HH/laif

Christoph Peters gilt als der japanophilste deutsche Schriftsteller. Aber nach Japan selbst ist er vor Kurzem erstmals gereist – und erzählt nun davon.

          3 Min.

          Das Buch beginnt mit einem überraschenden Geständnis: „Seit 35 Jahren beschäftigt sich Christoph Peters intensiv mit Japan. Doch in dem Land ist er nie gewesen.“ Dabei hat er doch kundige Romane und Essays geschrieben, die sich mit Elementen der japanischen Kultur beschäftigen – dem Weg des Tees, auf dem Peters selbst wandelt, aber auch mit dem organisierten Verbrechen.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein japanisches Konzept, das in Deutschland früh verfing, bezieht sich auf die Wege, auf denen man sich einer Tätigkeit verschreibt und an deren Ziel Meisterschaft und Erleuchtung warten sollen – unabhängig davon, ob einer nun dem Schwert- oder dem Teeweg folgt. Untereinander sind diese Wege viel­fältig verknüpft. Im Gesamtkunstwerk einer Teezeremonie haben etwa Ke­ra­mikhandwerk, Malerei, Blumenstecken, Dichtung und Kalligraphie ihren festen Platz. Das ist viel Stoff. Und da Sammlungen, Übersetzungen, Reproduktionen, Anleitungen und Vereine zur Vermittlung dieser Techniken außerhalb von Japan beliebt sind, kann man sich jahrelang mit einem Land beschäftigen, in dem man nie war.

          Kunsttheorie und Zen-Buddhismus

          Doch es kommt der Punkt, an dem die aus der Ferne gesammelten Eindrücke mit der Realität abgeglichen werden wollen. Man spürt den Druck angestauter Erwartungen, ebenso die Angst vor ihrer Enttäuschung. Warum Peters bisher nicht in Japan war, darüber erfährt der Leser wenig. Doch die Idee, einen wie Peters in jenem Moment zu begleiten, in dem er sein Wissen mit Beobachtungen vor Ort abgleicht, ist reizvoll. Auch weil Peters ehrlich ist: Als er auf dem Weg vom Flughafen Narita zum ersten Mal einen Blick auf Japan erhascht, fühlt er sich im Nachhinein wie ein Hochstapler, „der sich akribisch auf seine neue Rolle als Chefarzt vorbereitet hat und jetzt zum ersten Mal einem echten Patienten gegenübersitzt“.

          Christoph Peters: „Tage in Tokio“.
          Christoph Peters: „Tage in Tokio“. : Bild: Luchterhand Literaturverlag

          Peters erzählt chronologisch von seinem Aufenthalt in Tokio – illustriert durch schlicht-präzise Zeichnungen von Matthias Beckmann –, in einem klaren, abwägenden Ton. In Fußnoten stellt er einige Beobachtungen nachträglich in Frage oder erläutert sie. Gleichzeitig wird bereits auf den ersten fünfzig Seiten deutlich, wie viel Wissensgepäck Peters durch seine lange Beschäftigung mit Japan mit sich herumschleppt. Dieses Gepäck fordert Raum – indem konkrete Beobachtungen zunehmend durch Ex­kurse über Kunsttheorie oder die Rückbindung der japanischen Kultur an den Zen-Buddhismus verdrängt werden.

          Zu Besuch im Sensō-Tempel

          Wenn Peters eine berühmte Teeschale wie die „Unohanagaki“ betrachtet, folgt man seinem geschulten Auge gern. Doch andere Beobachtungen, vor allem über die lebendigen Bewohner des Inselstaates, scheinen manchmal zu flüchtig, um aufgeschrieben zu werden, ohne zum Klischee zu gerinnen. Selbst wenn der Autor sich die Mühe macht, auf die häufig eindimensionale Berichterstattung über Japan hinzuweisen und sie anhand von Stichproben zu überprüfen, lassen sich manche Beobachtungen vor Ort stärker vom Hörensagen leiten, als es ihnen guttut: Wie und wohin Japaner gucken, ob und wann man mit ihnen ins Gespräch kommt und wie Rassismus dort funktioniert – so etwas lässt sich während eines Gastaufenthaltes nur schwer beurteilen. „Als ich sie“ – die Kollegin eines Freundes, namens Verena, die „seit zehn Jahren mit ihrem senegalesischen Mann und der gemeinsamen Tochter in Tokio lebt“ – „nach ihren Er­fahrungen mit dem japanischen Rassismus frage, zeigt mir Verena Handyfotos, auf denen ein dreijähriges Mädchen mit wild vom Kopf abstehenden Löckchen im Kimono, umringt von zahlreichen japanischen Kindern und Eltern, das Shichi-Go-San – eine Art Initiationsfest mit Schreinbesuch und vielen Süßigkeiten – feiert. ‚Wenn wir zu meinen Eltern nach Halle fahren‘, sagt sie, ‚hab ich tatsächlich Schwierigkeiten und überlege mir, wo wir hingehen, aber hier in Japan gab es noch nie ein Problem.‘“

          So blickt der Leser weniger durch Peters’ Augen auf Japan als vielmehr in seinen Kopf. Von Tokio erfahren wir nach zwei Dritteln des Buches, wie es sich für Peters anfühlt, dort anzukommen, ein Hotel zu betreten, Bahn zu fahren, ein Café zu besuchen und Sushi zu essen. ­Später kommen Besuche im Edelkaufhaus Mitsukoshi, beim Sensō-Tempel und bei einem Boxkampf hinzu. Zumindest Letzterer weicht von den ausgetretenen Pfaden ab. Doch sonst vermittelt „Tage in Tokio“ ein genaues Bild der Japan­wahrnehmung westlicher Liebhaber des Landes, das bis hin zu den genannten Orten, Personen und Kulturtechniken jene erschreckende Ein­heitlichkeit aufweist, die den Erfolg von Exportgütern wie Sen No Rikyu (Tee­meister), Miya­moto Musa­shi (Schwertheiliger) und „Beat“ Takeshi Kitano (Schauspieler, Regisseur, Faktotum) als Chiffren für Japan beweist. Gegen Ende mündet all das in die Feststellung, dass sich der Autor trotz der Abweichungen seines inneren Japans zum äußeren in Tokio wohlfühlt. Wie schön. Jetzt könnten eigentlich die unverstellten Reisebeobachtungen beginnen. Doch da ist das Buch auch schon zu Ende.

          Christoph Peters: „Tage in Tokio“. Luchterhand Literaturverlag, München 2021. 256 S., Abb., geb., 16,– €.

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