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Christine Wunnickes Roman : Ist’s ein Traum? Kann nicht wirklich sein!

Seltsame Götter: Den Christ und den Muslim wundert, was der Inder da anbetet – Shiva-Darstellung im Tempel von Elephanta, ca 1930. Bild: Picture-Alliance

Christine Wunnickes neuer Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ setzt ihre Reihe von Vergangenheitsfiktionen auf schönste, klügste und witzigste Weise fort.

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          Der Berenberg Verlag muss etwas geahnt haben. Im Frühjahr wurde, als wäre es ein Hors d’œuvre, Christine Wunnickes vor zehn Jahren in der mittlerweile untergegangenen Edition Epoca publizierte Novelle „Nagasaki, ca. 1642“ wiederaufgelegt. Das eigentliche Festmenü aber hat uns Wunnicke erst jetzt beschert: mit ihrem neuen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“, der sich seit gestern auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises befindet. Das sollte der 1966 geborenen Münchner Autorin, die schon seit mehr als zwanzig Jahren im Geschäft ist, endlich den verdienten Durchbruch beim großen Publikum bescheren, nachdem sie seit vielen Jahren ein Liebling der Kritik ist und mit dem Literaturpreis der Landeshauptstadt München kürzlich auch die erste bedeutende Auszeichnung erhalten hat. Da ihre Bücher allesamt kurz sind, freut man sich, zwei auf einmal lesen zu können. Und noch dazu zwei so thematisch wahlverwandte.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Titel der wiederaufgelegten Novelle ist bezeichnend für Wunnickes Literaturverständnis: Das „ca.“ ist paradox bei einer fiktiven Geschichte, die die Autorin doch nach Gutdünken gestalten, also auch mit einer eindeutigen Handlungszeit versehen kann. Aber das Unbestimmte, Zeitlose ihrer historischen Stoffe ist deren Charakteristikum, und so ist die Geschichte des auf seinen Karrierehöhepunkt zusteuernden Samurai Seki Keijiro, der in Nagasaki auf den jungen Abel van Rheenen trifft, welcher als Dolmetscher in die niederländische Handelsniederlassung auf der künstlichen Insel Dejima gekommen ist, eine Parabel nicht nur aufs familiäre und gesellschaftliche Leben, sondern auch eine über das Missverstehen der Kulturen an der sprachlichen Oberfläche, das aber in ein viel tieferes Verständnis münden kann, wenn man überhaupt beginnt, miteinander zu sprechen. Und all das bildet auch wieder den Kern der Handlung von „Die Dame mit der bemalten Hand“.

          Europäer trifft Orientale

          Darin sind wir ein Jahrhundert weiter und ein paar tausend Kilometer näher an Europa. Exotisch aber ist auch dieses Setting allemal. Wieder ist ein junger Mann ausgeschickt worden: Carsten Niebuhr, und zwar als „Mathematicus“, sprich Kartograph, einer von einem Göttinger Orientalisten angeregten und vom dänischen König finanzierten Forschungsreise nach Arabien, von der sich der Gelehrte reichen wissenschaftlichen und der Monarch reichen finanziellen Ertrag versprach. Beide werden enttäuscht, denn außer Niebuhr kehrt keiner der anderen fünf Expeditionsteilnehmer zurück. So weit, so wahr.

          Christine Wunnicke
          Christine Wunnicke : Bild: dpa

          Wunnicke vernebelt aber einmal mehr geschickt die historischen Fakten in ihrem Roman. Ihr Niebuhr ist ein Jahr später geboren als der echte, doch die Reise geht dafür ein Jahr früher los. Und die führt den zur Haupthandlungszeit dreißigjährigen Deutschen nicht nur bis nach Persien wie in der Wirklichkeit, sondern weit darüber hinaus (über Persien wie die Wirklichkeit), bis nach Indien nämlich, auf eine kleine Flussinsel nahe der Metropole Bombay: Gharapuri, von den Europäern Elephanta genannt nach der Steinskulptur eines Elefanten, die von den Briten dort geborgen wurde und heute vor dem Zoo in Mumbai steht. Auf Gharapuri geblieben aber sind bis heute zahlreiche Darstellungen der hinduistischen Götterwelt, die aus den Wänden eines ausgebauten Höhlensystems herausgemeißelt wurden. Seit 1997 ist die Insel deshalb Weltkulturerbe.

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