https://www.faz.net/-gr3-a5n4m

Christina Maria Landerls Roman : Wilde Frauen bekommen keinen Blues

Weil die Reisende nichts kennt und wenigen Menschen begegnet, ist ihre Wahrnehmung für Nuancen geschärft Bild: Picture-Alliance

Mit Billie Holiday, Bessie Smith und viel Last auf den Schultern im Mietwagen durch die Südstaaten: Christina Maria Landerls Roman „Alles von mir“.

          4 Min.

          Eine Frau reist durch Amerika und liest ein Buch. Die Frau ist weiß, ihre ziellose Route führt sie durch die Südstaaten, und das Buch – es ist eine Biographie über Billie Holiday, eine der größten amerikanischen Jazzsängerinnen – liegt auf dem Rücksitz. Die Reisende sieht vom Rassismus, den die Sängerin ihr Leben lang erfahren hat, der sie ins Gefängnis brachte, nicht viel. Wie sollte sie auch, mit ihrer Hautfarbe? Und seit Billie in „Strange Fruit“ von Lynchmorden und an Bäumen hängenden rottenden Körpern sang, hat sich ja einiges verändert.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Land sieht für die Frau, die es nicht kennt, so aus: Wald, Sümpfe, Straßenschilder, Licht im Geäst, Strommasten, Hotelzimmer, alle gleich: ein Flachbildfernseher, zwei Queensize-Betten. Hin und wieder fährt sie an Orten vorbei, deren Namen ihr bekannt vorkommen, eine Brücke etwa: Hier wurde Martin Luther Kings Protestmarsch, der von Selma nach Montgomery führen sollte, 1954 mit Tränengas und Knüppeln unterbrochen. Oder: In dieser Kleinstadt wohnte die weltberühmte Harper Lee. Weil die Reisende nichts kennt und wenigen Menschen begegnet, ist ihre Wahrnehmung für Nuancen geschärft: Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und verändert die ganze Anmutung der Gegend. „Dann wieder warmes Licht.“ Man könnte es naheliegend nennen, was sie beschreibt, aber die Erzählerin und ihre Beobachtungen sind vor allem eins: nah.

          Schwarze Kühe auf giftigem Grün

          Die Musik schwarzer Frauen, die sie hört, je weiter sie in den Süden vordringt, nach Alabama und Mississippi, beschreibt sie in schlichten wenigen Worten: „Erst ist nur Klavier zu hören, freudig aufgeregt, dann kommt das Schlagzeug dazu, schließlich Holidays Stimme.“ Sie hört auch Bessie Smith, die Bluessängerin, die Billie Holiday zum ersten Mal vernahm, als sie, noch ein Mädchen, im Bordell Böden schrubbte. „Wild women don’t have the blues“, singt die aus Georgia stammende Ida Cox für die österreichische Frau in ihrem Mietwagen, und wenn man als Leserin Spotify hat, kann man auf die Playlist zugreifen und dort auch Nina Simone, Patsy Cline und Cat Power zuhören und sich wundern, wie sich dieses literarische Experiment mit dem Jazz der Zwanziger, den großen Frauen der Musikgeschichte und der Geschichte dieses Landes vermengt.

          Christina Maria Landerl: „Alles von mir“. Roman. Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2020.
          Christina Maria Landerl: „Alles von mir“. Roman. Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2020. : Bild: Muery Salzmann

          Da stehen Absätze aus Satzfetzen, wie im Vorbeifahren aufgeschnappt oder durch den Kopf geschossen, kontextfrei: schwarze Kühe auf giftigem Grün. Beiläufig geschehen Dinge, ein Fernseher geht an, er zeigt, wie Bessie Smith zur erfolgreichsten Bluessängerin aller Zeiten wird. „Zu sehen ist“ steht da, und dann wie in einer Regieanweisung statische Momente, eine Szene im Hotel, auf einem Bett liegt ein Hemd, und der Blick wandert auf der Suche nach einem nächtlichen Besucher, der gerade noch da war. Außenansicht auf ein Autofenster, dann Blick von innen nach außen, jetzt sind die Leser im Kopf der Frau, die mal „ich“ ist und mal „sie“. So wie man sich selbst manchmal von außen betrachtet und dann wieder ganz bei sich ist, in Momenten großer Gefühle. Auch wegen dieses Gefühls, das bei der Protagonistin vor allem Trauer ist, erfährt man nur kleine Ausschnitte ihrer Wirklichkeit, und so wie sie sich selbst kann man ihr nur bedingt trauen. „Ob irgendjemand will, dass ich nach Süden fahre, frage ich mich, als sich minutenlang keine Wendemöglichkeit ergibt; ob das vielleicht ich bin.“

          Weitere Themen

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Topmeldungen

          Meghan und Harry bei Oprah : Sie zünden die Bombe

          Meghan Markle und Prinz Harry setzen ihre Trennung vom britischen Königshaus groß in Szene. Das Interview mit Oprah Winfrey ist der Gipfel. Ein Royals-Experte befürchtet schon einen „Atomschlag“ gegen die Windsors.
          Bremen: Heimat der Stadtmusikanten und Sitz der  Greensill Bank.

          Das Greensill-Drama : Zinswetten auf Kosten aller

          Internetportale wie Weltsparen haben das Geld ihrer Kunden an die angeschlagene Greensill Bank vermittelt. Nutzen sie die Einlagensicherung für ihre Zwecke aus?
          Zielen auf den eigenen Kommandeur: KSK-Soldaten, die den Verlust von „Stolz und Ehre“ beklagen

          KSK-Kommandeur Kreitmayr : Der General im Feuer

          Markus Kreitmayr kommandiert und reformiert das KSK der Bundeswehr. Manche loben ihn, andere äußern anonym ihre Wut über den Brigadegeneral.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.