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Christian Y. Schmidts Roman : Ticktack, ihr Trottel!

Gefälschtes „Skinhead“-Foto für die „Titanic“

Dass es dem Autor selbst manchmal geht wie jener Figur im Roman, die bei der Konfrontation mit irgendwelchen Idioten Anlass zur wehmütigen Reflexion gibt: „Früher hätte er solchen Typen gleich ins Gesicht gespuckt“, legt der Text nahe, aber das sind Privatangelegenheiten. Nach der Beerdigung des ehemaligen Weggefährten kullert bei Schmidts Stimme Daniel S. die Denkmurmel auf erratischen Bahnen. Irgendwelche (auto-)biographischen Hintergründe mag auch das haben, aber Schmidt teilt in einem Anhang mit der allen Fragen nach der Wirklichkeit hinter der Wahrheit der Literatur angemessenen Lustlosigkeit wohltuenderweise sehr knapp mit, dass man jedenfalls nichts wörtlich nehmen und platt für sein persönliches „So war das damals“ halten dürfe. Von Belang ist an der mutmaßlichen Zeitgeschichtserdung des Romans ohnehin nur die Tatsache, dass nicht allein in Schmidts Alterssegment und unter denen, die sein Bielefelder Sozialisationsgehege geteilt haben, die allermeisten der Selbstanpassung an doofe und unsinnige Normen schlechter entronnen sein dürften als der Romancier. Aus jungen Post- und Meta-Dadamenschen wurden Werbetrottel, grüne Bundestagsabgeordnete, Kinderpsychologinnen oder Buchbesprecher, mehr oder weniger korrupt, kaputt und sanft gemeingefährlich wie alle anderen, die früher als sie ihren Frieden mit dem normalen Mist gemacht hatten.

Christian Y. Schmidt: „Der letzte Huelsenbeck“

Der tatsächliche Christian Y. Schmidt (Jesus, dieser lustige Mittelinitialspaß ist aber auch zum Mäusemelken!) hat sich schon vor dem Glanzstück, das dieser Roman nun geworden ist, mehr als ordentlich geschlagen: Eine Weile ließ er sich unter anderem für „Titanic“ als gefälschter Skinhead fotografieren, weil die Haupthaare früh genug futsch waren, dann schrieb er allerlei Artikelartiges und Bücher eher journalistisch-essayistischen Zuschnitts über China, Joschka Fischer und was weiß ich. In diesen stehen allerdings auch schon tolle Sätze, an denen man ablesen konnte, dass die Kunst den Autor rief, und die oft bereits davon handelten, dass der Wandel, den Leute durchmachen, die jungrebellisch sind und dann Schlimmeres werden als verrückt, zu den ekligsten Zivilisationsproblemen der Neuzeit zählt.

Es wird auch erklärt

Im Fischer-Buch zitiert Schmidt den weltberühmten deutschen Außenminister einmal mit der Behauptung, er wäre als Taxifahrer vom Linksradikalen zum Realisten geworden, weil sich ihm dort gezeigt hätte, unter wie viel Druck der Durchschnittsfahrgast stünde, jeder „eine tickende Zeitbombe“. Schmidt kommentiert ebenso lakonisch wie human polemisch: „Vielleicht hätte er einfach mal die Taxiuhr abstellen sollen, dann hätt’s schon aufgehört mit dem Ticken.“

Gegen Ende von „Der letzte Huelsenbeck“, kurz bevor alles erklärt (und nichts billig aufgelöst) wird, steht eine kunstvoll konfus schöne Stelle darüber, wie sehr jede Erinnerung die konkrete Erfahrung verrät, von der sie handelt, und wie unvermeidlich jedes Festhaltenwollen des Gewesenen als Erkenntnis eines Totalverlusts von allem Wichtigen enden muss, das uns Sterbliche ausmacht, Moment für Moment, Mensch um Mensch, ticktack: „Aus Claires Zügen wurden die von Marion, aus Marions die von Dr. Gulistan, aus Gulistans Brigittes, aus Brigittes Sandys, aus Sandys Heikes, das blond gelockte Mädchen, mit dem ich mich zum ersten Mal geküsst hatte, damals auf der Wiese über der Stadt. Immer schneller wechselten die Gesichter. Bald waren es nicht mehr nur Frauen, mit denen ich längere Zeit zusammen gewesen war. Auch die Flirts sah ich, die One-Night-Stands, die platonischen Beziehungen und selbst die, mit denen ich nur einen flüchtigen Blick auf der Straße getauscht hatte. Die Gesichter wechselten so schnell, dass die Züge bald nicht mehr zu unterscheiden waren. Ein Allgesicht.“

Genau so ist das: „mit der ich mich geküsst hatte“, denn wer Gewesenes bei sich erinnert, ist notwendig allein, küsst sich selbst durch Schemen anderer hindurch, nicht mehr diese, nie mehr, vorbei. Der einzig mögliche Trost sind Scherze, aber ohne Unschuld: „Die ganze Kindheit hatte es geregnet.“ Drehen Sie diesen Satz in mehrere Richtungen, spielen Sie damit („Es hat die Kindheit geregnet“ zum Beispiel), dann werden Sie staunen, was er alles kann. Schmidts tolles Buch ist eine Neuigkeit, die von einer alten, sehr guten Idee spricht: Erzähldichtung ohne Getue.

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