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Chris Adrian: Die große Nacht : Ein Sommernachtstraum in San Francisco

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Bild: Verlag

Aufruhr im Feenreich: In Chris Adrians zauberhaftem Roman „Die große Nacht“ suchen drei Menschen zur Geisterstunde Schutz vor der Liebe.

          Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist schon mehr als einmal in die Gegenwart fortgeschrieben worden. Oft erwacht man eher unsanft aus dem angeblich über Menschenwitz gehenden Traum, vor allem wenn, wie etwa in Woody Allens „Midsummer Night’s Sex Comedy“, im modernen Zauberwald von Athen doch nur der alte, ewiggleiche Ringelreigen von Ehekrach und Beziehungsknatsch aufgeführt wird.

          Dabei haben Jan Kott und Peter Brook schon vor einem halben Jahrhundert gezeigt, dass Shakespeares Komödie kein harmlos romantisches Märchen ist, sondern eine neuheidnische Hölle, in der Oberon und sein Handlanger Puck die Sterblichen mit Gewalt und Sex zu Paaren treiben. Botho Strauß gab 1983 in „Der Park“ eine Ahnung von den dunklen Abgründen des Stücks, als er Hausfrauen in Bäume und geile Nymphen verwandelte und Titania in einer Kuhattrappe vom wilden Stier bespringen ließ.

          Kein eitel Sonnenschein im Feenreich

          Auch in Chris Adrians „Großer Nacht“ ist der liebliche Sommernachtstraum durchsetzt mit Albträumen und Traumata. In der „Boutiquenwildnis“ des Buena-Vista-Parks von San Francisco treiben Kobolde und Feen ihre Unwesen, aber es ist keine Herr-der-Ringe-Fantasy mit heiteren Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen. Keine Liebe ohne Blut und obszöne Drastik, kein Glück ohne Schmerz und Trauer: Die drei Menschen, die sich in Nacht und Nebel und ihren eigenen Träumen verirren, sind alle schwer angeschlagen, und auch im Feenreich herrscht nicht eben eitel Sonnenschein.

          Titania rast vor Trauer und Wut. Ihr Lieblingskind, ein menschlicher Wechselbalg, ist gerade nach einer missglückten Chemotherapie an Leukämie gestorben (Chris Adrian arbeitet selbst als Arzt in einer Kinderkrebsklinik), Oberon, ihr ruppiger Gemahl, ist spurlos verschwunden. Verlassen von allen guten Geistern, löst die zornige Feenkönigin den Bann, der Puck in Schach hielt. Schon bei Shakespeare war Oberons Sklave eine sinistre Kreatur; in der „Großen Nacht“ ist er vollends der Dämon, der Sterbliche und Unsterbliche narrt und bestialisch quält. Die eselhaften Handwerker, bei Adrian eine Bande von Obdachlosen, die unter Führung eines gewissen Huff ein Musical proben, erzählen einander Schauermärchen von einem „Bürgermeister“, der die karitative Armenspeisung mit einem kannibalischen Ritual verwechselt.

          Bizarre Figuren und geisterhafte Schemen

          Auch die drei Menschen, die auf der Suche nach einer mondänen Mittsommernachtsparty durch den Park irren, sind von ihren Liebhabern verlassen worden und tragen schwer an Schuld und Scham, neurotischen Ticks und Depressionen. Will, der Baumdoktor (und so etwas wie Autor und Lector in Fabula), verlor durch seine Affären seine große Liebe Carolina. Henry, der schwule Kinderarzt, der Titania so in Rage brachte, trieb durch seine Zwangsneurosen - Putzen, Waschen, Masturbieren - seinen Liebhaber Billy zur Verzweiflung. Die Blumenverkäuferin und Theologin Molly kommt nicht über den Selbstmord ihres Freundes Ryan hinweg. Außerdem leidet sie immer noch darunter, dass sie einst einen schwarzen Jungen, der ihr vertrauensvoll seinen „Jesus“ zeigte, an ihren Pflegevater verriet, den bigotten Chef der christlichen Archer Family Band.

          Origineller und pfiffiger als die Liebestragödien sind die unvermuteten Begegnungen zwischen Menschen und Naturgeistern, Sozialarbeiterinnen und Feen. In Adrians Roman tauchen mit großer Selbstverständlichkeit jede Menge bizarrer Figuren und geisterhafter Schemen auf: winzige Greise, kichernde Kobolde, lebende Bäume, sprechende Häschen, Elfen mit seltsamen Namen wie Radieschen oder Türknauf, pornographische Giftzwerge, politische Menschenfresser. Das erinnert manchmal an Alice im Wunderland, den Zauberer von Oz oder Walt Disneys Schneewittchen; allerdings ist der Humor deutlicher schwärzer und der Schabernack bösartiger.

          In magischer Schwebe zwischen Komik und Tragik

          In Adrians Kobolden rumoren verdrängte Triebe und Erinnerungen, aber auch der anarchisch-libertäre Genius Loci San Franciscos. Ein nackter Waldschrat, ein putzsüchtiger Schwuler oder auch eine verwirrte Flower-Power-Fee aus dem Blumenladen „Wurzel und Wonne“ fällt im Haight Ashbury District oder in den Darkrooms der Castro Street nicht weiter auf, und die Grenzen zwischen Realität und Traum sind ohnehin durchlässig. Henry etwa wurde als Kind von Elfen entführt und missbraucht, die Handwerker sind im wahren Leben Occupy-Aktivisten, und Puck sieht aus wie ein normaler Jesusfreak mit Afromähne. Phantasielose Menschen könnten Titania für die Friseuse Trudy und Oberon für den Biobauern Bob halten, quengelnde, streitsüchtige junge Eltern, die an schizoidem Realitätsverlust leiden. Titania hält ihren Trainingsanzug für Musselingewebe aus Spinnweb und Trauerperlen und will ihrem Kind partout Honig und Tau statt Käsesandwich und Elfenmusik statt Carly Simon einflößen. Der Zauber von San Francisco ist schon lange verflogen, aber manchmal verwandelt sich ja ein heruntergekommener Transvestit noch in eine schöne Fee und einem Hund wachsen Blumen aus dem Fell.

          Adrian (und die wunderbare Übersetzung von Thomas Piltz) halten die Figuren und Ereignisse in einer magischen Schwebe zwischen Komik und Tragik, karnevalesker Mythentravestie und Shakespeare-Nacherzählung, erdig-derbem Sex und luftiger Erotik. Gut möglich, dass der ganze Spuk nur ein verspäteter Hippie-Albtraum ist, ein fadenscheiniges Gewebe aus Drogenhalluzinationen und Happenings. Aber auch wenn in Adrians verzetteltem Sommernachtstraum nicht alles dem „Fluch des quakenden Schwachsinns“ und dem Kitsch entgeht, so ist der Roman doch auch ein „rohes und subtiles Stück Magie“, das der Logik des somnambulen poetischen Surrealismus folgt: Die Erinnerung an die eine große Liebe lässt alle nächtlichen Gaukeleien, faulen Tricks und blühenden Neurosen verblassen.

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