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Chinesische Literatur : Mozart würde Mao lesen

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Bild: Piper

Lust und Leid der Literatur: In seinem Roman "Balzac und die Kleine chinesische Schneiderin" entspinnt Dai Sijie das bezaubernde Panorama einer düsteren Zeit.

          Liebe geht im abendländischen Roman bekanntlich Hand in Hand mit der Liebe zur Literatur. Zu Werthers Zeiten konnten Jünglinge aus diesen erotischen Synergieeffekten von Kunst und Leben Trost und Hoffnung in schlimmen Tagen schöpfen: Unter Tränen und Seufzern lasen die Geliebten Ossian und Homer und vereinigten sich so im Medium der Weltliteratur.

          Mit empfindsamen Lesungen am Busen der Natur läßt sich heute freilich kein Mädchen mehr hinter dem Fernseher hervorlocken. Im China der Kulturrevolution war das noch anders: Damals waren alle Bücher außer denen des Großen Vorsitzenden verboten, und wer einen Roman von Balzac oder Flaubert besaß, stand schon mit einem Fuße im Arbeitslager. Die maoistischen Kader wußten sehr wohl, wie konterrevolutionär und demoralisierend Geschichten von heimlicher Liebe, individueller Empörung und verlorenen Illusionen wirken können. Der Große Sprung nach vorne ließ sich nicht mit bürgerlichen Bildungsromanen forcieren. Die Zwangskollektivierung ist schließlich keine "Erziehung des Herzens", und der gegen die Ordnung der Dinge aufbegehrende Liebhaber ist ein gar nicht so ungefährlicher Papiertiger.

          Von dieser Spannung zwischen ideologischer Gleichschaltung und eigensinniger Subjektivität lebt auch der Roman "Balzac und die Kleine chinesische Schneiderin" des in Paris lebenden Autors Dai Sijie. Zwei studentische Grünschnäbel, Söhne von als Volksfeinden gebrandmarkten Ärzten, werden Anfang der siebziger Jahre zur Umerziehung aufs Land geschickt. Das abgelegene Dorf liegt im "Phönix-des-Himmels"-Gebirge nahe Tibet, aber das Leben dort ist weniger Poesie als ein zermürbender Reigen von Nebel und Regen, Flöhen und Fronarbeit, Schmutz und Langeweile. Vom Laoban, dem bornierten Ortsvorsteher schikaniert, von analphabetischen Bauern argwöhnisch belauert, müssen die Freunde Jauchefässer tragen, nackt Kohle hauen und sich von Büffeln den Schlamm der Reisfelder ins Gesicht peitschen lassen.

          Nur selten dürfen sie unter der Parole "Mozart ist in seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao" ihren Hunger auf westliche Kultur befriedigen, denn selbst die Geige gilt als "bourgeoises Spielzeug". Immerhin, Luo freundet sich mit der "Kleinen Schneiderin" an, einer Schönen aus dem Nachbardorf, die mangelnde Bildung durch niedliche Pantöffelchen und eine liebreizende Unschuld mehr als kompensiert. Noch beseligender als der Flirt aber ist die Begegnung mit der Weltliteratur: Die Romane von Balzac und Flaubert, Tolstoi und Dostojewski, die "Brillenschang", ein privilegierter Leidensgenosse, in seinem Koffer versteckt, werden für die Volksfeinde auf Bewährung zum Erweckungs- und Initiationserlebnis.

          "Ich war neunzehn und in Liebesdingen unerfahren", schreibt der Erzähler, "und ich kannte vom Leben nichts anderes als das kommunistische Propaganda-Blabla - und plötzlich erzählte mir dieses kleine Buch wie ein aufwieglerischer Kobold von erwachendem Verlangen, von Sexualität, von der Liebe, von all den Dingen, die die Welt mir vorenthalten hatte." Romain Rollands "Johann Christof", Dumas' "Graf von Monte Christo" und Balzacs "Vater Goriot" werden für ihn zu Aufklärungsratgebern und Bibeln des Widerstands. Er beginnt ganze Passagen auf die Innenseite seiner Lammfelljacke zu schreiben, und schon schlüpft die Kleine Schneiderin in das geheiligte Kleidungsstück, als ob "die Berührung von Balzacs Worten auf ihrer Haut ihr Glück und Klugheit" bringe - ein nicht unübliches Ritual in einem Distrikt, wo Schamanen und Hexen den Feiglingen noch Büffelblut als Zaubertrank verschreiben.

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