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Chinesische Literatur : Mozart würde Mao lesen

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Balzac ist der größte aller Zauberer. Schon das aggressive Stakkato der vier Silben Ba-er-za-ke klingt wie eine magische Zauberformel, und die Geschichten von hartherzigen Wucherern und ehrgeizigen Dichtern, scheuer Liebe und stolzer Rebellion sind erst recht Versprechen auf eine aufregendere, freiere Welt. Schon vorher erkauften sich die Studenten hin und wieder kleine Vergünstigungen, indem sie den Dörflern nordkoreanische Kinoschmonzetten vom "Kleinen Blumenmädchen" akustisch zu Gehör brachten; jetzt weist ihnen die Wünschelrute der Literatur vollends den Weg in den Himmel der Phantasie: Die Nacherzählung von Romanen macht den einen zum Schriftsteller und öffnet dem anderen das Herz der Kleinen Schneiderin.

Sijie hat nicht nur eine bezaubernde Parabel auf den aphrodisischen Zauber und die erlösende Kraft der Literatur geschrieben, sondern auch ein Stück Autobiographie. Als er zwölf Jahre alt war, wurden seine Eltern verhaftet; mit siebzehn wurde er zur Gehirnwäsche in ein Dorf am Fuße des Himalajas verschickt. Die Narben dieser drei Jahre voller Demütigungen sind noch in den zartesten Träumen und derbsten Schwänken dieses Buchs zu spüren; unter dem leichten, romantisch-ironischen Ton schwären die alten Wunden. 1984 floh Sijie nach Frankreich, wo er sich als Autor von Filmen wie "Chine ma doleur" durchschlug. "Balzac und die Kleine chinesische Schneiderin" ist sein erster Roman.

In Frankreich war es ein mit Preisen überhäufter Sensationserfolg. Das Happy Ending, das der Autor erlebte, gestattet er seinen Balzac-Freunden nicht. Am Ende hat die tapfere Kleine Schneiderin die Lektionen der Umerziehung durch Weltliteratur so gut gelernt, daß sie ihren Lehrer und Liebhaber Luo verläßt. Balzac brachte ihr bei, "daß die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist", und sie beutet ihn nach allen Regeln der Neuen Ökonomie aus. Erst schneidert sie sich nur Unterwäsche nach den Vorlagen aus "Madame Bovary" und näht den blauen Mao-Rock in ein modischeres Kostüm um; dann verliert sie ihre linkische Koketterie, vertauscht ihre Pantöffelchen mit Tennisschuhen und ihren Zopf mit einer kecken Kurzhaarfrisur und flieht die Ödnis der Provinz.

Ihr Verrat ist ein herber Schlag für ihre Anbeter, aber die Literatur hat nun einmal mehr emanzipatorische Kraft, als ihre ängstlichen, ehrfürchtigen Liebhaber zu träumen wagen. Sie läßt sich nicht als Stoffkatalog aparter Chinoiserien und Schnittmusterbogen persönlichen Glücks privatisieren: Sie ist als Sprengstoff verknöcherter Verhältnisse auch Volkseigentum und subversiv. Heute ist Pflege des klassischen Erbes westlicher Literatur allenfalls noch bei fundamentalistischen Bilderstürmern verpönt. In China jedenfalls wird Sijies Abrechnung mit der Kulturrevolution gerade verfilmt.

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