https://www.faz.net/-gr3-70tl6

Chimamanda Ngozi Adichie: Heimsuchungen : Nachrichten aus dem Land der übertriebenen Hoffnungen

Geben und Nehmen, nicht nur an und von Amerika: ein Straßenmarkt in Lagos Bild: BENEDICTE KURZEN/The New York Ti

Der Stil ist international, die Schauplätze sind es auch: neue Erzählungen der jungen Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie. Sie erklärt eine fremde Welt, die ihr eigentlich selbst fremd erscheint.

          4 Min.

          Der Vater war Mathematikprofessor, aber in seinem Heimatort trug er einen Ehrentitel, um den ihn selbst mancher Literaturnobelpreisträger beneiden dürfte: „Odeluora“, das ist Igbo und bedeutet „Der für die Gemeinschaft schreibt“. Denn in seinem Heimatort kamen die meisten Altersgenossen zu dem Universitätsabsolventen, um sich helfen zu lassen, wenn sie Post von einer Behörde erhalten hatten. Die Tochter ist Schriftstellerin, hat aber keine Gemeinschaft, für die sie schreiben könnte. Das ist ihr Thema, zumindest auf gewisse Weise. Die beiden ersten Romane der jungen nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie spielten in Nigeria, jetzt wendet sie sich mit ihrem neuen Erzählungsband „Heimsuchungen“ erstmals auch ihrer zweiten Heimat zu.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Wole Soyinka 1986 als erster schwarzafrikanischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhielt, war Chimamanda Ngozi Adichie neun Jahre alt. Ihr Großvater, den sie nie kennengelernt hat, weil er im Biafra-Krieg getötet wurde, hätte eine Figur aus einem der Romane Soyinkas sein können, denn wie Akinyode Soditan, der Dorfschullehrer aus Soyinkas „Ìsara“, gehörte er zu jener Generation von Nigerianern, für die Amerika der Name einer im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbaren Märchenwelt war. Für Akinyode bedeutet die spärliche Post, die er von einem amerikanischen Brieffreund erhält, den er nie zu Gesicht bekommen wird, unendlich viel: eine fremde Welt voller Verheißungen. Heute schicken die Enkelkinder der Generation von Akinyode selbst Briefe aus Amerika in die Heimat. Chimamanda Ngozi Adichie, geboren 1977 in Nkussa, ist eines dieser Enkelkinder.

          Durchschnittsexistenz dauf Mittelstandsmilieu

          Aber ihre Briefe aus der Neuen Welt, als die man einige der zwölf Erzählungen des Bandes bezeichnen könnte, enthalten wenig Verheißungsvolles. Adichies Figuren schlagen sich als Kindermädchen durch, sie müssen aus Geldnot das Studium aufgeben und jobben in Bars und Restaurants. Amerika ist gekennzeichnet von einer „Fülle übertriebener Hoffnungen“. Es ist das „Land des Gebens und Nehmens“. In der Regel heißt das: Man muss eine Menge aufgeben, wenn man dort etwas bekommen will.

          Nkem hat eine Menge bekommen: ein großes Haus, ein eigenes Auto, eine Hausangestellte und regelmäßige Pilates-Kurse. Aber sie ist nicht mehr, wer sie war. Sie war ein Mädchen aus dem Busch, das unvermutet in die Oberschicht der Hauptstadt eingeheiratet hat und nach Amerika verpflanzt wurde. Jetzt ist ihr Leben die perfekte Imitation der Durchschnittsexistenz der amerikanischen Ehefrau aus dem gehobenen Mittelstandsmilieu: bar aller materiellen Sorgen, aber nicht mehr ganz faltenfrei und deshalb permanent in Alarmbereitschaft. Und tatsächlich hat ihr Mann, der das Jahr über weiterhin seinen einträglichen Geschäften in Nigeria nachgeht, seine Geliebte in Lagos zu sich ins Haus genommen.

          Bild: Verlag

          Bevor ihr Mann für den Sommer nach Amerika kommt, schneidet sich Nkem die nach amerikanischem Vorbild sorgfältig entkrausten Haare kurz, um es mit den Krausellöckchen ihrer jungen Konkurrentin aufnehmen zu können. Nach den ersten Tagen mit einem Mann, der ihr fremd geworden ist, beschließt sie die Rückkehr nach Lagos. Ob die „Imitation“ eines fremden Lebensstils, auf den der Titel der Erzählung anspielt, damit beendet ist, muss allerdings offenbleiben. Wenn man so lange in Amerika war, hatte ihr zuvor eine Freundin gesagt, könne man nicht mehr zurück, man sei nicht mehr dieselbe: „Man ist nicht wie die Menschen dort.“

          Weitere Themen

          Im Paket steckte Glück

          Erinnerung an Luftbrücke : Im Paket steckte Glück

          Vor 75 Jahren wurde die Hilfsorganisation Care gegründet. Anita Stapel profitierte während der Berlin-Blockade 1948 von ihren Paketen – und hilft nun im Alter von 92 Jahren als Ehrenmitglied selbst.

          „Mank“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Mank“

          „Mank“ läuft ab dem 4. November bei Netflix.

          Topmeldungen

          Nicht einverstanden mit der Entscheidung des Schiedsrichters: BVB-Trainer Lucien Favre

          Aufregung bei Remis gegen Rom : Der BVB ärgert sich gewaltig

          Mit dem Unentschieden gegen Lazio Rom zieht die Borussia zwar in das Achtelfinale der Champions League ein, doch ein umstrittener Elfmeter verdirbt die Laune beim BVB kräftig. Hinzu kommen Verletzungssorgen um Torjäger Erling Haaland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.