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Chika Unigwe: Schwarze Schwestern : Weiße Wäsche, dunkle Welt

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Von der Hoffnung auf ein besseres Leben: Chika Unigwe hat einen unsentimentalen Roman über vier nigerianische Frauen geschrieben, die sich nach Europa schleusen lassen und dort als Prostituierte arbeiten.

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          Man meint sehr genau zu wissen, was von diesem Roman zu erwarten ist. Der Titel, „Schwarze Schwestern“, klingt nach den Verbrüderungsgesten des Hiphop und das Thema - illegale Einwanderinnen, die sich in Europas Rotlichtvierteln prostituieren, nach voyeuristischen Milieureportagen im spätabendlichen Privatfernsehen. Doch „Schwarze Schwestern“ ist ein Roman der Grauzone und dabei von einer Wahrhaftigkeit, die das Thema Prostitution sonst kaum zuzulassen scheint, da sogar die Dekonstruktion seiner Klischees längst wieder zu neuen Gemeinplätzen geronnen ist.

          Chika Unigwe ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und stammt, wie die Frauen in ihrem Roman, aus Nigeria. Antwerpens Rotlichtbezirk, in dem ihr Roman spielt, durchstreifte sie monatelang undercover, in hohen Stiefeln und Minirock, um Geschichten zu sammeln. Ihr Anspruch ist ein journalistischer: „Ich hoffe, dass ich realistisch gewesen bin“, heißt es in der Danksagung.

          Europa als glückverheißende „Fata Morgana“

          Und das ist die Autorin auf bestmögliche Weise. Unigwe wandelt souverän auf dem schmalen Grat zwischen Literatur und Dokumentation. Sehr klar und bildstark beschreibt sie den Weg, der die vier „Mädchen“ aus tristen, kleinbürgerlichen Familienapartments in Lagos in die Antwerpener Zvartsustersstraat, die Straße der Schwarzen Schwestern, geführt hat. Dort wohnen Sisi, Ama, Efe und Joyce unter dem strengen Regime der „Madame“. Ihre Zimmer sind telefonzellengroß, die Bettwäsche aber so strahlend weiß, als solle sie hinwegtäuschen über die harte nächtliche Arbeit der Frauen in den Schaufenstern und Hinterzimmern des Rotlichtviertels.

          Auch diese Arbeit schildert Unigwe in einer direkten, aber nie aufdringlichen Sprache und bedient so weder reflexhaftes Mitleid noch Voyeurismus. Die vier Frauen sind starke, pragmatische Charaktere, keine Opfer. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und sind dankbar, als sie von Schlepper Oga Dele das Ticket nach Belgien erhalten. Ihren Job verrichten sie jedoch alles andere als freiwillig: Armut und Chancenlosigkeit in ihrer Heimat machen Europa für sie zur glückverheißenden „Fata Morgana“, wie der Roman im Original heißt.

          Hinter ihren Panzer aus falschen Namen und abgeklärter Unbekümmertheit lassen die vier jungen Frauen einander erst blicken, als eine von ihnen ermordet wird. Sisi, die Geheimnisvollste unter ihnen, hatte in Nigeria auch mit Hochschulabschluss jahrelang keine Arbeit gefunden. In Belgien wollte sie durchhalten bis zum ersehnten Wohlstand, zerbricht aber an der zunehmenden Entfremdung von sich selbst. Chika Unigwe hält die Spannung, bis sich der Mord am Ende aufklärt. Doch nur der Leser kennt Sisis Mörder: Die belgische Polizei ist bestechlich, wenn das Opfer nur eine illegale „schwarze Schwester“ ist.

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