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Roman „Mädchen für alles“ : Wie man Menschen Gewalt antut

Schwer erträglich: Schmerz, Verführung und Aggression lauten die Themen von Charlotte Roches neuem Roman. Bild: Sandra Stein

Von der Familie überfordert, erotisch unbefriedigt: Charlotte Roches neuer Roman handelt von einer Frau voller Aggressionen und Komplexe. Mit ihrem alter Ego hat das nichts zu tun – eher mit kommerziellem Kalkül.

          5 Min.

          Charlotte Roche hat ihr drittes Buch geschrieben: Der Roman „Mädchen für alles“ erscheint an diesem Montag. Er folgt nach vier Jahren auf „Schoßgebete“ und davor „Feuchtgebiete“ von 2008. Die Autorin verlässt ihr angestammtes Terrain nicht, das sich trocken als der Körper in der Gesellschaft bezeichnen ließe, der Körper ihrer Ich-Erzählerinnen im engeren Sinn, unter Einbeziehung naher männlicher oder weiblicher Personen ihrer Umgebung. Auf diesem Feld gibt es mannigfache Möglichkeiten der Erprobung. „Mädchen für alles“ hat, schlicht formuliert, eine Protagonistin, die der anal-retentiven Phase verhaftet ist und sich entsprechend heftig mit deren Auswirkungen beschäftigt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Christine Schneider – sie selbst, in ihren dauernden Selbstgesprächen, nennt sich meistens Chrissi, und das tun auch die anderen – ist eine Frau in den Dreißigern, die in guten bürgerlichen Verhältnissen lebt. Sie ist verheiratet mit Jörg, der „in der IT-Branche“ arbeitet, und sie hat eine noch sehr kleine Tochter, Mila. Beide scheren Chrissi kaum; den Mann lehnt sie ab, und das Kind interessiert sie nicht. Wäre Mila ihr ausgeliefert, würde sie schrecklich vernachlässigt.

          Mehr Distanz zum Erzählerinnen-Ich

          Das ist die Ausgangssituation für einen Roman, auf dessen 240 Seiten sich eine Art seelischer und körperlicher Rachefeldzug entfaltet, mit dem Chrissi ihren Obsessionen zu entkommen sucht. Genauer: Sie hält an ihnen mit enormer Energie fest, um sich selbst überhaupt zu spüren. Dafür setzt sie ihre gewalttätigen Phantasien ein, und dafür benutzt sie vorsätzlich und ohne Skrupel andere Menschen. Der Anfang lautet: „Mein ganzes Wissen über Menschen und Gewalt und wie man Menschen Gewalt richtig antut, ziehe ich aus Serien.“ Weiter heißt es: „Ganz schön langweiliges Leben vorher. Die Menschen in den Serien sind meine Wahlverwandten. Ich habe sie viel lieber als meine wirkliche Verwandtschaft.“

          Charlotte Roche: „Mädchen für alles“. Roman. Piper Verlag, München 2015. 240 S., br., 14,99 €.

          Das lässt sich als eine Distanzierung lesen, die die Autorin gegenüber ihrer Akteurin in der ersten Person vornimmt. Offenbar will Charlotte Roche jetzt autobiographische Hintergründe weitgehend ausschließen, auch wenn sie abermals die Ich-Perspektive wählt, die den Leser auf diese Spur setzt. Wie könnte es anders sein, nach den Vorgängerbüchern. In „Feuchtgebiete“ hat sie, mit immensem Verkaufserfolg, die juvenilen körperlichen Selbsterkundungen einer Helen Memel geschildert, als eine Art Anleitung zum leiblichen Unsaubersein, in Auflehnung gegen ubiquitäre, saubere weibliche Abziehbilder. In „Schoßgebete“ hat sie eine Elizabeth Kiehl in beklemmender Weise das eigene Trauma vom tragischen Unfalltod ihrer Brüder bearbeiten lassen, ein nicht abzuschließendes Unterfangen. Beide Protagonistinnen, Helen Memel wie Elizabeth Kiehl, hat Charlotte Roche als Spielarten eines Alter ego zumindest gelten lassen.

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