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Roman „Mädchen für alles“ : Wie man Menschen Gewalt antut

Keine Spur von erwachsener Kontrolle

Es gibt da eine winzige Szene im Roman, kurz vor dem Ende, als im Foyer eines Münchner Hotels, in dem Chrissi mit Marie auf der Durchreise weilt, ein Hündchen zusammenbricht; es hat einen epileptischen Anfall. Neben ihm kniet seine sorgende Herrin. Chrissi tritt hinzu, während sie unter dem prekären Wechsel der Wirkungen von Alkohol, Kokain und dem Sedativum Lorazepam, das auch als Antiepileptikum eingesetzt wird, steht, im Vorgefühl der Vollendung ihres Plans der Elterntötung. Sie betrachtet das Geschehen voller Einfühlung. Mit dem Leiden des zitternden Windspiels kann sie sich identifizieren. Das lässt sich als eine Metapher lesen, mit gutem Willen; es ist der vielleicht feinfühligste Moment im ganzen Buch. Denn auch mit Hilfe seiner Herrin bricht das kleine Tier zusammen, es muss von ihr getragen werden. Niemand trägt Chrissi, lautet die Moral.

Das Konstrukt des Romans im Ganzen ist schwer erträglich. Nicht bloß, weil es hetero- wie homosexuelle Beziehungen denunziert, als Vorwand für eine Vorlustspanne, die an einigen Stellen ausgeweidet wird, sondern auch, weil unbeirrt eine klassische Trias infantiler Mechanismen durchgespielt wird – Schmerz, Verführung, Aggression. Jede Form erwachsener Kontrolle scheint bei Chrissi weitgehend ausgeschaltet. Zu lesen ist das langatmige Protokoll regressiver Verhaltensweisen und Phantasien, unterfüttert mit multiplen Sexualitäten. Gerade deshalb kann Charlotte Roche den Eindruck kommerziellen Kalküls nicht vermeiden.

Schriftstellerin am Scheideweg

Mit „Mädchen für alles“ versucht sie, an den Überwältigungseffekt ihrer früheren Bücher anzuknüpfen. An die Stelle irritierenden und bewegenden seelischen wie körperlichen Leidens tritt das Heischen nach Aufmerksamkeit für eine unsympathische erwachsene Frau, in der vor allem unbearbeitete, ungesteuerte Vernichtungswünsche überdauert haben.

Die Sprache, die Roche für die Story der Christine Schneider einsetzt, ist vorsätzliche Kunstlosigkeit, Ratlosigkeit über Wortfindungen, mit eingestreuten Vulgaritäten. Ein einmal gefundenes Raster wird bedient, die Naivität der Protagonistin Chrissi ist Methode. Das wirft die Frage nach der literarischen Kompetenz der Autorin auf. Die, so ist zu vermuten, angepeilte Provokation strebt gegen null. Der dauerdrogierte Ausbruch einer durchgeknallten egozentrischen Wohlstandsgattin mit Scheckkarte im teuren Gepäck ist wenig literaturtauglich. Da hilft auch der „Disclaimer“ mit den amerikanischen Serien am Anfang nichts; „Breaking Bad“ geht wahrhaftig anders.

Als ernstzunehmende Schriftstellerin steht Charlotte Roche mit ihrem „Mädchen für alles“ am Scheideweg. Es wäre ihr zuzutrauen, dass sie selbst Überdruss an geschilderter Zwanghaftigkeit in wiederholten Mustern empfindet und sich selbst mit diesem Buch die Frage stellt: Wen geht die Geschichte von Chrissi überhaupt an? Etwas spießig ist die ganze kleinfamiliäre Chose, die sie ausbreitet, ja schon; das kann ihr nicht entgangen sein. Dass Roche eine Trilogie abgeschlossen hat, wäre die positive Variante. Und dann wäre der letzte Satz des Romans, nachdem die Mutter Chrissi vom Klodeckel im spanischen Haus der Eltern zurückgerufen hat – „Alles klar da drin, mein Baby?“ –, eine echte Pointe: „Goldenes Licht scheint mir in die Augen.“ Ob das bourgeoise Mittelstandswesen am Ende sein Heil in der Erleuchtung buddhistischer Meditation gefunden haben darf, sei dahingestellt. Charlotte Roche ist auch diese Volte zuzutrauen. Ihre beiden „Mädchen für alles“, Chrissi und Marie, sind damit aber nicht erlöst – vom Kitsch.

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