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Roman „Mädchen für alles“ : Wie man Menschen Gewalt antut

Ein Dienstmädchen und andere Bedrohungen

Worum geht es nun in „Mädchen für alles“? Die Ich-Erzählerin Chrissi ist das, was vor ein paar Jahrzehnten noch eine frustrierte Hausfrau geheißen hätte, emotional von Mann und Kleinkind überfordert, erotisch unbefriedigt: „Als wir das Haus eingerichtet haben, war ich voll mit Hormonen, Nestbautrieb, haben alle zu mir gesagt, ja ja, da war ich wohl etwas kitschig unterwegs, hat schlagartig aufgehört nach der Geburt meiner Tochter, das Kitschigsein.“ Vor diesem Kitsch weicht Chrissi in eine passiv-aggressive Haltung zurück, inklusive Autoaggression. Sie flieht in Selbstverletzungen, am Auge oder im Brustbereich. Und sie flieht in Drogen, starken Alkohol, Kokain vor allem, ein ständiger Kater davon begleitet sie. Am Grund von Chrissis Leiden steht die infantile Wut über die eigenen Eltern, die sich in ihrer Kindheit getrennt haben. „Wie heißt die Kackfamilie, aus der man kommt? Kernfamilie?“ In permanenter Selbstbeobachtung antizipiert Chrissi außerdem ihren eigenen Verfettungs- und Alterungsprozess – gestörter Narzissmus ist dafür ein Hilfswort. Bis sie glaubt, einen Ausweg gefunden zu haben.

Ihr Mann Jörg hat eine „Babysitterin“ besorgt; vermutlich aus Sorge um das Kleinkind. Sie heißt Marie, und sie wird das „Mädchen für alles“ sein. Vor gut einem Jahrhundert wäre eine Marie ein Dienstmädchen gewesen, auf das sich die Begehrlichkeit des Hausherrn richtete. Doch bei Roche beschließt die Hausfrau, sich Marie gefügig zu machen. Chrissi zieht die junge blonde Marie, eine Medizinstudentin, in ihren Bann, an der Oberfläche, um den sexuell unterversorgten Jörg von ihr abzuhalten. Doch darunter lauert ein anderes Motiv: Eine Exfreundin von Chrissi, Freundinnen hat sie keine mehr, hat ihr gesagt, dass Jörg „schwul“ sei. Deshalb erprobt sich Chrissi ihrerseits in lesbischem Begehren; sie kann Marie auch dafür gewinnen, Detailschilderungen seien hier ausgespart. Endlich wird sie ihre Begleiterin auf dem Weg via München nach Spanien, wo Chrissis Eltern inzwischen leben, die es sich scheinbar erlaubt haben, wieder versöhnt zu sein. Chrissi gedenkt, die Eltern dort in einem sadomasochistischen Rausch auszulöschen, den sie freilich zuvor bereits phantasmatisch antizipiert hat, auch die Details seien hier ausgespart.

Es mag sein, dass Charlotte Roche ihr Buch als eine zeitgenössische Variante des „Bovarysmus“ angelegt hat, in Anlehnung an Gustave Flauberts Gesellschaftsroman, der vor 150 Jahren den grand ennui der Emma Bovary schilderte, bis hin zu deren Selbstmord. Es kann sein, dass auch Chrissi den Suizid in Erwägung zieht. „Ich muss es ja nicht mehr lange mit Marie aushalten, zum Glück. Ich sterbe, wie peinlich!“, heißt es an einer Stelle, ehe Chrissi dann aber „auf Klo“, wo sie immer wieder landet, sitzt, nämlich auf dem Klodeckel im elterlichen Badezimmer in Spanien, und zwar ohne sich selbst entleibt zu haben, noch das wie eine Klimax hinlänglich brutal, als vollzöge es sich wirklich, geschilderte Massaker an ihren Eltern vollzogen zu haben.

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