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Erzählungen von James Salter : Was ist? Nichts, ich sterbe nur

Große Erwartungen: Welche Überraschung wird der Abend für die zufällige New Yorker Aufzuggesellschaft im Jahre 1983 wohl noch bringen? Bild: Barbara Klemm

In jedem Satz gilt es den Hebel zu finden: Ein Band mit sämtlichen Erzählungen von James Salter zeigt den amerikanischen Autor auf der Höhe der Kunst.

          Das große Publikum entdeckte James Salter spät, dafür heftig, und nicht zuletzt über den deutschen Sprachraum. Denn als sein Roman „Lichtjahre“, in Amerika zunächst ein Flop, mit 23 Jahren Verspätung 1998 hierzulande erschien, wurde er als Meisterwerk gefeiert. Die längste Zeit seines Schriftstellerlebens aber blieb Salter, der am 19. Juni 2015 nur wenige Tage nach seinem neunzigsten Geburtstag starb, ein „writer’s writer“. Einer also, der sich mit geringen Auflagen begnügen musste, aber von Kollegen wie Richard Ford oder John Banville hochgeschätzt wurde.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie lasen und lesen Salter wegen seiner stilistischen Brillanz, die Atmosphären dicht wie in einem Treibhaus werden lässt, seinem eleganten Fatalismus, vor allem aber wegen seiner Sätze. Salter brachte jeden Satz zum Flirren. „Das Vokabular ist wie ein Fingerabdruck“, heißt es in einer seiner Erzählungen, wie die „Handschrift eines Körpers und seiner unsichtbaren Seele.“ Was Salter vor Studenten einmal über den „unaufdringlichen Schreiber“ Isaak Babel sagte: dass er seine Geschichten unermüdlich überarbeitete, traf auch auf ihn zu. Salter korrigierte lieber, als neue Bücher zu schreiben. Er meinte, dass in jedem Satz „eine Art Hebel“ existiere, „auf den man seine Hand legen und den man nur ganz leicht drehen müsse“, um an der richtigen Stelle zu landen. Dafür braucht es Zeit.

          Wie man Romane schreibt

          Die Kunst der Salterschen Sätze lässt sich jetzt aufs Neue in seinen gesammelten Erzählungen studieren, die der Berlin Verlag erstmals vollständig publiziert. Sie stammen aus den sechziger bis achtziger Jahren und erscheinen zusammen mit der unveröffentlichten Story „Charisma“ sowie drei Vorlesungen: „Die Kunst der Literatur“, „Leben als Kunst“ und „Wie man Romane schreibt“.

          John Banville zufolge ist in der Literatur nichts schwieriger als die Darstellung banaler Wirklichkeit. „Nur die Besten haben diese Aufgabe erfolgreich bewältigt“, schreibt er im Vorwort zu diesem Band. Salter gehört für ihn zweifellos dazu. Was außerdem an diesen Texten ins Auge fällt, ist die rücksichtslose Genauigkeit, mit der sie ihr Personal betrachten. Gerade auf der kurzen Strecke hat Salter eine Erzähltechnik entwickelt, die bei aller Knappheit irrwitzige Räume öffnet.

          Quell all unserer Nöte

          Die Short Story ist ja vor allem deshalb eine solch schwere Form, weil sie wie ein Schnappschuss funktioniert, ohne Anfang, ohne Ende. Oft braucht Salter nur zwei oder drei Sätze, und es öffnen sich Falltüren unter den Menschen, die sich eben noch auf sicherem Boden wähnten.

          Richard Ford schätzt an Salter, dass er wie kein anderer den Unterschied von Sein und Schein darstelle. Diese Diskrepanz, „der Quell all unserer Nöte“, findet sich in Geschichten wie „Kino“ oder „Die Augen der Stars“, die um Menschen kreisen, die es als Schauspieler, Regisseure oder Drehbuchautoren in die Welt des schönen Scheins verschlagen hat. Gerade schön aber geht es dort nicht unbedingt zu. Salter spürt ihren inneren Groll auf, ihren prätentiösen Ton und porträtiert sie in all ihrer Bedürftigkeit. Die Katastrophen, an denen er herumdoktert, sind oft leise, und kündigen sich in harmlosen Bemerkungen an, einmal ist es nur ein schlecht sitzendes Kleid.

          James Salter

          Das Paar in „Bangkok“ etwa ist längst getrennt und kann trotzdem nicht von früheren Gefühlen lassen. Als Caroll und Hollis sich nach Jahren wiedersehen, fangen sie sofort wieder zu streiten an: „,Ich wusste nicht, dass das wahre Glück darin liegt, die ganze Zeit immer dasselbe zu haben.‘ Sie sah auf ihre Hände. Ihm fielen wieder ihre langen, biegsamen Daumen auf.“ Die Zeit ist verloren und lässt sich nicht wieder einfangen. Was auch Noreen nicht glauben mag, als sie ihre Jugendliebe nach einem halben Leben wieder anruft. Einst hatte sie Arthur eines anderen wegen abserviert. Als sie sich im Plaza treffen, ist er fassungslos darüber, wie erkaltet seine Gefühle waren. Dabei hätte er für die Liebe dieser Frau einmal alles getan. Jetzt „versteckte selbst ihre Kleidung, was sie einmal gewesen war“.

          In „So viel Spaß“ sitzen drei Freundinnen einen Abend lang fröhlich beieinander und schwatzen über Berufe, Affären, Abenteuer. Erst als sie auseinandergehen und Jane allein im Taxi sitzt, bricht sie in Tränen aus. Was denn sei, fragt sie der Taxifahrer. „,Nichts‘, sagte sie, den Kopf schüttelnd. ,Ich sterbe.‘“ Vor ihren Freundinnen konnte sie diese existentielle Wahrheit nicht preisgeben. Auch in der Erzählung „Platin“, die von der Scheinheiligkeit der New Yorker Haute-Volée erzählt, ist die Verzweiflung des jungen Mannes am Ende so greifbar wie sein edler Mantel in der Garderobe.

          Von diesen verunglückten Leben erzählt Salter fast beiläufig. „Warum haben wir den Weg nicht eingeschlagen, der uns vorgezeichnet war?“ Die Frage in der Erzählung „Charisma“ treibt alle seine Figuren um. Auf wenigen Seiten setzt er sie nicht nur sich selbst, sondern einem ganzen Geflecht sozialer Beziehungen aus, die in lauter kleine Nebenhandlungen und Vergangenheiten führen. Es ist dieses Netz, in dem sich Noreen, Cecily oder Polo ein ums andere Mal verheddern. „Details sind alles“, hat Salter seinen Studenten erklärt. Und dass sein einziges Ziel beim Schreiben darin liege, Sätze aneinanderzufügen, als wäre dies ihr einziger Daseinszweck. Es ist ein Ziel, das die Zeit überdauern wird.

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