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: Chaplins Texter

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Ehrlich ist besser als fein. Kunst ist die Flucht vor dem Leben. Daher kann man den Geschmack des Seeigels anpreisen, denn was ist ehrlicher als Hunger? Auch ist es besser, die Künstlerin statt ihrer Kunst zu beschreiben, und im Idealfall verzichtet man einfach auf beides und erzählt stattdessen eine gute Geschichte.

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          Ehrlich ist besser als fein. Kunst ist die Flucht vor dem Leben. Daher kann man den Geschmack des Seeigels anpreisen, denn was ist ehrlicher als Hunger? Auch ist es besser, die Künstlerin statt ihrer Kunst zu beschreiben, und im Idealfall verzichtet man einfach auf beides und erzählt stattdessen eine gute Geschichte. Hans Siemsen, Literat, Texter von Charlie Chaplin und Feuilletonist der "Weltbühne" sowie der "Frankfurter Zeitung", nahm sich zwischen 1919 und 1932 in seinen Zeitungsbeiträgen diese Freiheit. Als Freund von Schauspielerin Asta Nielsen und Bildhauerin Renée Sintenis lobte er deren Schaffen ebenso leidenschaftlich, wie er von Bettengeschäften in Marseille schwärmte, und bei seiner genussvollen Beschreibung einer guten Bouillabaisse läuft einem immer noch das Wasser im Munde zusammen. Aus der Kleidung von Milliardären leitete er die gleichmachende Wirkung der Demokratie ab, und seine Kindheitserinnerungen an eine Marzipangurke als das schönste Weihnachtspräsent sind immer noch aktuell, denn auch heute ist das teuerste Geschenk eben nicht unbedingt das beste. Herausgeber Dieter Sudhoff versammelt in dem Band "Nein! Langsam! Langsam!" eine Auswahl dieser literarischen Zeitungstexte und öffnet so ein Fenster zur Weimarer Kulturwelt, die Siemsen in all ihren Facetten und stets im Plauderton betrachtete. Die vorliegenden Beiträge des linken Schriftstellers und bekennenden Homosexuellen, der im Jahr 1934 vor den Nationalsozialisten floh, liegen erstmals in Buchform vor und machen neugierig auf sein kritisches Werk, durch das er früh die junge Filmkritik prägte und das immer noch unveröffentlicht ist. (Hans Siemsen: "Nein! Langsam! Langsam!" Hrsg. von Dieter Sudhoff. Verlag Das Arsenal, Berlin, 2008. 168 S., brosch., 16,80 [Euro].) scht

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