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Cemile Sahins Roman „Taxi“ : Als falscher Sohn darf er den Krieg vergessen

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Die Debütautorin Cemile Sahin aus Wiesbaden plant wohl schon ihr nächstes Buch. Bild: Paul Niedermayer

Ein junger Mann begibt sich in die Hände einer Frau – nicht als Ersatz, sondern als Reinkarnation des verlorenen Sohnes. Doch es gibt kein richtiges Leben im falschen Film. In Cemile Sahins Debütroman „Taxi“ wird Trauerarbeit zum großen Rollenspiel.

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          Der Bachmannpreis gilt als wichtigste Auszeichnung für junge deutschsprachige Literatur. Versagt seiner Jury die kritische Stimme, dann bedeutet dies einiges. Zuletzt passierte das 2019, nachdem die Leipziger Schriftstellerin Ronya Othmann in Klagenfurt einen Text über den Genozid an den Jesiden vorgestellt hatte. Einige Jurymitglieder sahen sich angesichts der Erzählung von den Greueltaten des „Islamischen Staates“ ihrer Urteilsfähigkeit beraubt. Wie lässt sich, fragte einer, denn überhaupt angemessen über Unsagbares, über unvorstellbare Grausamkeiten, über einen Krieg sprechen?

          Wäre es nicht eine zeitliche Unmöglichkeit, ließe sich behaupten, Cemile Sahins Debüt „Taxi“, der erste Roman im Korbinian Verlag, der vor einigen Jahren angetreten war, den Literaturbetrieb umzukrempeln, sei eine Antwort auf die ratlose Jurydiskussion in Klagenfurt. Der Roman stellt die Frage nach der Erzählbarkeit des Grauens vom Kopf auf die Füße. Er zeigt: Das Sprechen über den Krieg kann nur unzulängliche Annäherung sein. Aber auch das Schweigen ist keine Option.

          „Taxi“ ist ein auf Pointe geschriebener Episodenroman im Stil einer Netflix-Serie: aufgeregt, rasant und hinsichtlich der Verortung in Raum und Zeit so offen wie gegenwärtig. Die Hauptfigur Rosa Kaplan kommt aus einem Land, von dem heute nur die Fahne übrig geblieben ist und dessen Krieg sie zwei Söhne gekostet hat. Den ersten im Säuglingsalter, als ihr Haus bombardiert wurde, den zweiten, Polat, im Erwachsenenalter als Soldat. Seit seine Einheit von einer Bombe getroffen wurde, gilt er als vermisst, nach zehn Jahren erklärte man wider den mütterlichen Willen seinen Tod. Das leere Grab, das die Trauer erleichtern soll, besucht Rosa aus Prinzip nie.

          Man hört nicht auf, Mutter zu sein

          In der gleichen Stadt lebt Rosas Spiegelfigur. Ein namenloser junger Mann, der seine Eltern zum letzten Mal sah, als sie mit einem Lkw abgeholt wurden. Der Namenlose gehört einer Jugend an, die im Krieg aufgewachsen ist und von der es im Roman heißt, dass für sie das Leben von Anfang an verbraucht war. Seine emotionale Amplitude ist so gering wie seine existentielle Ortlosigkeit groß. Weil er dazu dem verschollenen Sohn ähnlich sieht, wird er von Rosa auserkoren, die Hauptrolle in einer Serie zu spielen, die sie sich in den grausamen Jahren mütterlicher Entbehrung ausgedacht hat. Es ist eine Serie über die Rückkehr des verlorenen Sohnes, der eine Amnesie erlitten hatte, nicht biblisch, sondern mythologisch, inspiriert von Pathos und Katharsis. Warum das alles? Man hört nicht auf, Mutter zu sein, auch wenn man keinen Sohn mehr hat, heißt es über Rosa, und dies ist einer der in diesem Roman zahlreichen Sätze, die mit den Abgründen des Verlusts so nonchalant umgehen, als gäbe es keine Hierarchie der Schrecklichkeiten.

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