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Cees Nooteboom: Schiffstagebuch : Bequemlichkeit und Sehnsucht

Bild: Verlag

Man kann Reisen, um anzukommen. Man kann aber auch Reisen, um wieder heimzukommen. Und wenn Cees Nooteboom reist, dann in Sachen Literatur: Sein neues „Schiffstagebuch“ lässt das Beiläufige nie belanglos werden.

          Das Fragezeichen ist für Cees Nooteboom das Zeichen des Reisenden. Jeder Reisende weiß, dass das Fragezeichen kein Widerhaken in der Seele des Heimkehrenden ist, nicht das schmerzliche Symbol des Scheiterns, sondern im Gegenteil die Garantie für einen neuen Aufbruch in die Welt. Denn käme man mit lauter Antworten statt Fragen zurück, mit letzten Erkenntnissen statt der Sehnsucht des ersten Mals, hätte man irgendwann keinen Grund mehr zu reisen. Und das ist nicht nur für Cees Nooteboom der größte denkbare Schrecken.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Für sein „Schiffstagebuch“ hat der Niederländer zwischen 2003 und 2010 Fragezeichen in Chile, Argentinien, Mexiko, Indien, Südafrika, Australien, Bali und Spitzbergen gesammelt und leichthändig zu einem Potpourri aus Reportage, Essay, Erzählung und Tagebuch vermischt. Selten war reine Neugier das Motiv der Reise, oft waren es Einladungen, zu Buchmessen oder zu Lesungen auf Kreuzfahrtschiffen. Zwei Schiffsreisen sind es auch, die dem Buch den Titel geben. Die eine führte ihn von Chile um Kap Hoorn nach Argentinien, die andere von Mauritius nach Kapstadt. Keine war besonders abenteuerlich oder aufwühlend, doch waren beide offensichtlich lukrativ. Ein leichter Hautgoût von Beiläufigkeit liegt deswegen über den Texten, das Stigma der Zweitverwertung. Der notorische Reisende Nooteboom indes, der schon als Zwanzigjähriger durch Europa trampte, beherrscht seine Kunst perfekt: das Beiläufige nie belanglos werden zu lassen.

          Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart

          Nooteboom bleibt sich im „Schiffstagebuch“ treu. Sein Mantra lautet Selbstbeschränkung: „Die Welt gehört den anderen, du darfst sie dir ansehen, um sie besser zu verstehen – oder um dich selbst besser zu verstehen –, aber du kannst diese Welt nicht werden.“ Er ist kein Grübler auf Reisen, kein faustischer Intellektueller, der die inneren Zusammenhänge der Welt erkennen will. Das wäre für ihn anmaßend. Lieber relativiert er seine Betrachtungen immer wieder, indem er von sich selbst sagt, dass er immer ein Besucher auf Durchreise sei, denn „stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest“. So beschränkt er sich auf die Beschreibung des Fremden, die immer präzise, geschliffen, scharfsinnig und elegant, aber eben auch etwas flüchtig und anekdotisch ist. Manchmal reist er zu schnell – der Fluch des Kreuzfahrtpassagiers in der Admiralskajüte mit Vollpension – und findet nur zwei, drei Sätze für einen Hafen im bestürzend einsamen Süden Chiles, in dem genug Tragik für eine Enzyklopädie wohnt. Doch Nooteboom will nicht verweilen. Er gehorcht seiner inneren Unruhe.

          „Mein Leben wird von Schriftstellern bestimmt“, steht gleich zu Beginn des „Schiffstagebuchs“. Das ist keine kokette Floskel, sondern bibliomanische Sucht für Nooteboom, der immer wieder in Büchern versinkt oder auch in Museen verschwindet, um dann in langen Passagen sein gerade gelerntes Wissen wiederzugeben und Episoden aus der Geschichte der bereisten Länder nachzuerzählen. Manchmal wünschte man ihm mehr Interesse an lebendigen als an toten Menschen. Und etwas befremdlich ist es, bei seiner Umrundung von Kap Hoorn kein Wort über das emblematischste Kap der Erde zu lesen, dafür aber einen seitenlangen Bericht über das vergangene Leben der Feuerland-Indianer. Oft aber funktioniert seine Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, etwa im Kapitel über Mexiko, in dem er die präkolumbianische Zeit mit den politischen Verwerfungen nach der letzten Präsidentenwahl kontrastiert.

          Das Recht auf Unverständnis in Anspruch nehmen

          Andere Enden der Welt bleiben dem hispano- und anglophilen Nooteboom hingegen fremd und rätselhaft. Vor der Komplexität Indiens zum Beispiel kapituliert er und macht das, was am einfachsten ist: Er zählt fassungslos die Widersprüche des Landes auf und verzichtet darauf, ihre Wechselwirkungen und innere Logik zu ergründen – nicht aus Desinteresse, sondern aus Respekt. Denn so, wie er Indien das Recht auf Fremdheit, Andersartigkeit, Unverständlichkeit zugesteht, nimmt er für sich selbst das Recht auf Unverständnis in Anspruch. Die Distanz sei unüberbrückbar, weil ihn und die Inder eine „unverdauliche Menge Geschichte, Herkunft, Sprache, Ritual“ trenne. Doch das sei „keine Niederlage, sondern der Segen des Unterschieds, weil dadurch die Illusion der eigenen Selbstverständlichkeit zerstört wird“. Und die Trümmer der Illusion formen natürlich auch ein Fragezeichen.

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