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Romanrezension : Fluchtpunkt Zwischenraum

Von Dresden aus begibt sich Cécile Wajsbrots Erzählerin auf den Weg zu einem Leuchtturm: jenem fiktiven, den Virginia Woolf 1927 beschrieb. Bild: picture alliance / Westend61

Cécile Wajsbrots Roman „Nevermore“ ist ein literarisches Kabinettstück über das Übersetzen - besonders in der deutschen Fassung. Doch bietet das Buch der meisterhaften französischen Schriftstellerin noch mehr.

          4 Min.

          Dies ist ein Roman über Dresden. Und dies ist ein Roman über Virginia Woolf. Wie geht das zusammen? Eine französische Schriftstellerin fährt als Stipendiatin im Herbst 2019 nach Sachsen, um dort Woolfs 1927 erschienenen Roman „To the Lighthouse“ zu übersetzen – „einen Text über die Verwüstungen der Zeit in einer einst vom Krieg verwüsteten Stadt“. Die Schriftstellerin hat gerade eine enge Vertraute und Kollegin verloren: „Dies war die erste Übersetzung, über die ich mit meiner Schriftstellerfreundin nicht würde reden können, es war das erste Mal, dass ich den Weg ohne sie würde gehen müssen.“ Also geht sie allein nach Dresden. In einen Zwischenraum.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Den gibt es auch in Woolfs Roman. Es ist das kurze Kapitel „Time Passes“, das Scharnier des Buchs. Das Herz des Buchs. Am Tag, als „To the Lighthouse“ erschien, notierte Virgina Woolf in ihr Tagebuch: „Ich bin besorgt wegen Time Passes. Denke mir, die ganze Sache könnte für weich, seicht, substanzlos, sentimental erklärt werden. Dennoch ist es mir wirklich ziemlich einerlei; möchte allein gelassen werden, um zu grübeln.“ So geht es auch der namen­losen Icherzählerin von „Nevermore“.

          Cécile Wajsbrot: „Nevermore“. Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 230 S., geb., 20,– €.
          Cécile Wajsbrot: „Nevermore“. Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 230 S., geb., 20,– €. : Bild: Wallstein Verlag

          Wajsbrots hat viel mit dessen Erzählerin gemein

          Bei diesem Titel denkt man an Poe, nicht an Woolf. Aber es geht der in Dresden arbeitenden Übersetzerin um eine Zäsur, die in ihrer Sprache – wie in der deutschen – auch dadurch bezeichnet wird, dass sie in zwei Worten ausgedrückt wird: jamais plus, „das Maß für den Unterschied zwischen den Zeiten vorher und den Zeiten danach, Symbol für die wirkliche Bedeutung der beiden Wörter, die im Englischen nur eines waren, nevermore – nie mehr.“ Das englische Wort zieht immerhin noch einmal zusammen, was nie wieder gemeinsam sein kann. Auch wenn es nicht mit der Grausamkeit der vergehenden Zeit versöhnen kann, mildert es orthografisch den Schock des Bruchs. So, wie die Dresdner Zeit der Icherzählerin Ablenkung verschafft: „In Dresden, wo die Erkundung der Stadt mich in Anspruch nahm, wo die aufmerksame Lektüre und die unablässige Arbeit, die jede Übersetzung verlangt, umso mehr noch die von Woolf und jenen Seiten reiner Poesie, die den Mittelteil von To the Lighthouse darstellen, wo die aufmerksame Lektüre und die unablässige Arbeit den größten Teil meiner Zeit, meiner Energie, meiner geistigen Verfügbarkeit für sich forderten, war eine Art Parallelleben entstanden, das sich mir entzog, das mich un­bemerkt begleitete und an manchen Momenten zufällig zum Vorschein kam, mich überraschte und mein eigentliches Leben verdrängte.“

          Die Autorin des Romans „Nevermore“ hat viel mit dessen Erzählerin gemein. Cécile Wajsbrot ist Schriftstellerin und renommierte Übersetzerin aus dem Englischen (und dem Deutschen) ins Französische. Was sie in „Nevermore“ zur Arbeit mit Woolfs Buch ausführt, gleicht im Anspruch dem spektakulärsten deutschsprachigen Roman, der sich mit dem Phänomen des Übersetzens be­schäftigt: „Zettel’s Traum“, entstanden auf der Grundlage der Erfahrungen seines Verfassers Arno Schmidt als Poe-Übersetzer. Nur wird bei Schmidt in zweifacher Hinsicht dialogisch Rechenschaft abgelegt: durch Daniel Pagenstecher, das Alter Ego des Autors, im Gespräch mit einem ihn besuchenden Übersetzer-Ehepaar und durch die Struktur des Buchs selbst, das in seinen drei Spalten die fiktive Handlung, Poes Werk und Reflexionen des Icherzählers miteinander in Beziehung setzt. Übersetzung als Gestaltungsmerkmal. Was hätte Cécile Wajsbrots „Nevermore“ dem entgegenzusetzen?

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