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Cécile Wajsbrot: Die Köpfe der Hydra : Wenn sein Leben überläuft und alles flutet

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Matthes & Seitz

Cécile Wajsbrot hat ein Buch über die Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters geschrieben. Es handelt nicht von Versöhnung, Sinn oder Liebe, sondern von Müdigkeit, Trostlosigkeit und Einsamkeit.

          4 Min.

          Es geschieht selten, dass man einer Schriftstellerin begegnet, deren neues Buch gerade erschienen ist und die, spricht man sie darauf an, sagt: „Was ich weiß, ist, dass ich dieses Buch lieber nicht geschrieben hätte.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch genau das sagt Cécile Wajsbrot. Und zwar nicht nur, weil es natürlich für alle Beteiligten schöner gewesen wäre, wäre ihr Vater nicht an Alzheimer erkrankt, hätte er einfach weiter in seiner Pariser Wohnung leben können, wo ihn die lieben Menschen seines Lebens, seine Töchter, seine Ex-Frau, seine Brüder und Schwestern hätten besuchen können, bis ans Ende seiner Tage. Aber so kam es nicht. Stattdessen bekam er Alzheimer, eine Krankheit, von der die Französin Cécile Wajsbrot schreibt, dass ihre „metaphysische Eigenheit im Rückzug aus der Welt besteht, wenn sie nicht vielleicht sogar letztlich darauf zielt, dass man alle Last ablegt, sich keine Sorgen mehr macht und alles anderen überlässt. Das Paradoxe an dieser Abwesenheit ist, dass sie nach Anwesenheit verlangt, wenn man nicht aufgeben und sich gehenlassen will, nach jemandem, der die Last aufnimmt, die man losgeworden ist, und genau das passiert jetzt, ich lebe sein und mein Leben, manchmal fällt es mir schwer, meines zu leben, weil seines überläuft und andere Landstriche überflutet, dabei hatte ich geglaubt, die Abdichtung sei sicher und ich weit genug entfernt“.

          Das ist das eine. Das andere ist das Ringen der Schriftstellerin mit dem Stoff, den die Erkrankung des Vaters darstellt. Wajsbrot ist nicht die Erste, die sich die Aufgabe stellt, Alzheimer literarisch zu verarbeiten, was immer heikel ist, weil solche Geschichten einen sehr privaten Charakter haben und man nie weiß, ob die Öffentlichkeit so viel Intimität goutiert. Denn Geschichten über Alzheimer sind - zumal, wenn man die Krankheit so definiert wie Wajsbrot - immer und vor allem Familiengeschichten. Sie aufzuschreiben bedeutet, von der eigenen Familie zu erzählen, und dafür hat Wajsbrot eine Form gefunden, die das Französische als „récit“ bezeichnet, es handelt sich also um einen kürzeren Text mit autobiographischen Teilen. Dass es im Deutschen für diese Form keinen Begriff gibt (der Verlag Matthes & Seitz bezeichnet das Buch lapidar, aber nicht unelegant einfach als „Geschichte“), macht die Sache für die Rezeption oft ein wenig schwierig. Aber auch Cécile Wajsbrot hat sich in diesem Fall nicht leichtgetan.

          Einst für zu leicht befunden

          Denn ihr Anspruch an sich als Schriftstellerin, das hat sie selbst gesagt, war eigentlich ein anderer. Sie schreibe Romane, sagte sie, und hätt gerne auch diesen Stoff in einen Roman verwandelt. Aber ein Familienroman in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts kam nicht in Frage. Und eine andere Form für das, worüber sie schreiben wollte, nämlich „über die Art, wie die Mitglieder ein und derselben Familie sich gegenseitig aufbauen und zerstören können“, hat sie nicht gefunden. Das ist auch der Grund dafür, dass Wajsbrot sagt, sie hätte dieses Buch lieber nicht geschrieben. Als Schriftstellerin kommt es für sie einer Niederlage gleich.

          Das ist natürlich ein hartes Fazit, das man so richtig auch nicht gelten lassen möchte, denn es wird ja niemand gezwungen, ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. Aber bei Wajsbrot liegen die Dinge anders. Denn sie hat ihren nun in deutscher Übersetzung erschienenen Text schon im Jahr 2000 geschrieben, als er fertig war, hat sie ihn kritisch durchgesehen, gewogen, für zu leicht befunden und weggeworfen - der handgeschriebene erste Entwurf landete im Müll, die Datei in ihrem Computer wurde gelöscht. Erst gut zehn Jahre später beim Aufräumen ihrer Arbeitswohnung nahe dem Pariser Montmartre fiel ihr ein Ausdruck in die Hände, den sie damals vergessen hatte. Er war wie eine Spur aus ihrer und der Vergangenheit ihrer Familie - und wer das Werk von Cécile Wajsbrot ein bisschen kennt, der weiß, dass sie damit in ihrem Element war. Denn Wajsbrot ist eine Spurensucherin und Fährtenleserin, die sich nichts so verpflichtet fühlt wie der Vergangenheit und der Geschichte ihrer Familie - aus diesem, ihrem ewigen Thema entstand die Reflexion über Wohl und Wehe des Erinnerns in ihrem Roman „Mann und Frau den Mond betrachtend“ (2003); daraus entstand in „Der Verrat“ (2006) das Porträt eines Mannes, der von seiner Vergangenheit als Kollaborateur eingeholt wird; und so kam es, dass in dem Roman „Aus der Nacht“ (2008) eine junge Frau den Nachtzug nach Polen bestieg, um dort nach den Wurzeln ihrer jüdischen Familie zu fahnden, von deren Schicksal nach dem Ende des Krieges in Frankreich niemand etwas hören wollte.

          Ein Erbe, das sie nicht ausschlagen durfte

          Gerade an diesen letzten Roman knüpft das nun erschienene Buch „Die Köpfe der Hydra“ in gewisser Weise an. Denn die Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters taucht bereits in dem Roman auf, so dass die Frage des Erinnerns und Vergessens hier wie dort auf einen doppelten Boden fällt. Wer erinnert künftig daran, dass die französische Polizei eines Nachts im Juli 1942 vor der Tür der Großmutter stand, um sie und die beiden Kinder mitzunehmen? Wer soll erzählen, wie sich ihr Vater als kleiner Junge im Wald der Auvergne vor den deutschen Gendarmen versteckte, wenn er selbst die Erinnerung daran verliert? Zur Last der Tochter, Cécile Wajsbrot, den Alltag des alten kranken Vaters organisieren zu müssen, polnische Einwanderinnen zu suchen, die sich für ein kleines Gehalt um den Mann kümmern, damit sie Zeit hat zu arbeiten; zu der Last, sich in einem Paralleluniversum aus Arztpraxen, Krankenhäusern, Sozialdiensten zurechtzufinden, in diesen Anstalten, in denen Solidarität nur entsteht, wenn die Zeit es erlaubt, eine „Bruderschaft der Armen“ - zu all dem gesellt sich die von Wajsbrot oft beschriebene besondere Pflicht der Nachgeborenen, dafür zu sorgen, dass die Geschichte der Juden Frankreichs nicht in Vergessenheit gerät.

          Deswegen bemüht sie zur Beschreibung der Familie das Bild der Hydra, jener mehrköpfigen Wasserschlange, der die Köpfe nachwachsen, sobald sie abgeschlagen werden. Es ist ein Bild, das den ausweglosen Kampf symbolisiert, den die Tochter angesichts der Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters, des Holocaust-Überlebenden, antreten muss. Davon erzählt ihr Buch. Ohne Pathos berichtet Wajsbrot, wie sie ein Erbe antrat, das sie nicht ausschlagen durfte. Wie sie von einer Gesellschaft, die auf derlei Gebrechen nicht vorbereitet ist, in Sippenhaft genommen und gezwungen wurde, sich um den Vater zu kümmern, mit dem sie in Wahrheit nie ein persönliches Verhältnis verband. Wie sie makabre Rechnungen anstellte, von denen man selten in so schonungsloser Offenheit gelesen hat: Denn mit dem Geld, das ihr zur Verfügung stand, konnte sie den Vater sechs Jahre lang versorgen - aber was, wenn es länger dauerte?

          Es hat nicht länger gedauert. Eine quälende Zeit war es dennoch. Und so handelt Wajsbrots Buch auch nicht von Versöhnung, Sinn, Nutzen oder Liebe. Im Gegenteil geht es um Müdigkeit, Trostlosigkeit, Einsamkeit und Armut. „Nichts ist erfunden oder verkleidet oder schöner gemacht, es ist alles so geschrieben, wie es geschehen ist“, hat Cécile Wajsbrot über ihr Buch gesagt. Genau deswegen ist es so wichtig.

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