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Cécile Wajsbrot: Die Köpfe der Hydra : Wenn sein Leben überläuft und alles flutet

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Matthes & Seitz

Cécile Wajsbrot hat ein Buch über die Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters geschrieben. Es handelt nicht von Versöhnung, Sinn oder Liebe, sondern von Müdigkeit, Trostlosigkeit und Einsamkeit.

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          Es geschieht selten, dass man einer Schriftstellerin begegnet, deren neues Buch gerade erschienen ist und die, spricht man sie darauf an, sagt: „Was ich weiß, ist, dass ich dieses Buch lieber nicht geschrieben hätte.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch genau das sagt Cécile Wajsbrot. Und zwar nicht nur, weil es natürlich für alle Beteiligten schöner gewesen wäre, wäre ihr Vater nicht an Alzheimer erkrankt, hätte er einfach weiter in seiner Pariser Wohnung leben können, wo ihn die lieben Menschen seines Lebens, seine Töchter, seine Ex-Frau, seine Brüder und Schwestern hätten besuchen können, bis ans Ende seiner Tage. Aber so kam es nicht. Stattdessen bekam er Alzheimer, eine Krankheit, von der die Französin Cécile Wajsbrot schreibt, dass ihre „metaphysische Eigenheit im Rückzug aus der Welt besteht, wenn sie nicht vielleicht sogar letztlich darauf zielt, dass man alle Last ablegt, sich keine Sorgen mehr macht und alles anderen überlässt. Das Paradoxe an dieser Abwesenheit ist, dass sie nach Anwesenheit verlangt, wenn man nicht aufgeben und sich gehenlassen will, nach jemandem, der die Last aufnimmt, die man losgeworden ist, und genau das passiert jetzt, ich lebe sein und mein Leben, manchmal fällt es mir schwer, meines zu leben, weil seines überläuft und andere Landstriche überflutet, dabei hatte ich geglaubt, die Abdichtung sei sicher und ich weit genug entfernt“.

          Das ist das eine. Das andere ist das Ringen der Schriftstellerin mit dem Stoff, den die Erkrankung des Vaters darstellt. Wajsbrot ist nicht die Erste, die sich die Aufgabe stellt, Alzheimer literarisch zu verarbeiten, was immer heikel ist, weil solche Geschichten einen sehr privaten Charakter haben und man nie weiß, ob die Öffentlichkeit so viel Intimität goutiert. Denn Geschichten über Alzheimer sind - zumal, wenn man die Krankheit so definiert wie Wajsbrot - immer und vor allem Familiengeschichten. Sie aufzuschreiben bedeutet, von der eigenen Familie zu erzählen, und dafür hat Wajsbrot eine Form gefunden, die das Französische als „récit“ bezeichnet, es handelt sich also um einen kürzeren Text mit autobiographischen Teilen. Dass es im Deutschen für diese Form keinen Begriff gibt (der Verlag Matthes & Seitz bezeichnet das Buch lapidar, aber nicht unelegant einfach als „Geschichte“), macht die Sache für die Rezeption oft ein wenig schwierig. Aber auch Cécile Wajsbrot hat sich in diesem Fall nicht leichtgetan.

          Einst für zu leicht befunden

          Denn ihr Anspruch an sich als Schriftstellerin, das hat sie selbst gesagt, war eigentlich ein anderer. Sie schreibe Romane, sagte sie, und hätt gerne auch diesen Stoff in einen Roman verwandelt. Aber ein Familienroman in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts kam nicht in Frage. Und eine andere Form für das, worüber sie schreiben wollte, nämlich „über die Art, wie die Mitglieder ein und derselben Familie sich gegenseitig aufbauen und zerstören können“, hat sie nicht gefunden. Das ist auch der Grund dafür, dass Wajsbrot sagt, sie hätte dieses Buch lieber nicht geschrieben. Als Schriftstellerin kommt es für sie einer Niederlage gleich.

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