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Gores „Der Geldverleiher“ : Aus diesem Stoff könnte eine gute Fernsehserie werden

In diesem Getriebe ließen sich gute Geschäfte machen – und Existenzen zerstören. Die britische Hauptstadt im mittleren neunzehnten Jahrhundert, wie Gustave Doré sie gesehen und für sein 1872 erschienenes Buch „London: A Pilgrimage“ in Kupfer gestochen hat. Bild: Science Photo Library

Die englische Schriftstellerin Catherine Gore kennt hierzulande kaum jemand. Theodor Fontane hat sie zwar übersetzt – doch übers Manuskript kam er nicht hinaus. Jetzt erscheint dieser Roman „Der Geldverleiher“ erstmals auf Deutsch.

          6 Min.

          Der Roman beginnt mit einer großartigen rhetorischen Figur. Auf den ersten vier Seiten wird ausgeführt, dass die Laster über die Gesellschaft wie Epidemien herrschen. Sehr allgemein. Raub und Mord seien als barbarische Verbrechen inzwischen durch „Ordnung und Gesetz“ unterdrückt worden, doch stattdessen seien Lug und Trug die Zeichen einer überreifen Zivilisation. Schon etwas konkreter. Der Sieg über Napoleon habe in den ersten fünfzehn Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die Seelen der Engländer gereizt, in Überschwang versetzt, maßlos und wild gemacht. Ziemlich zeitgenau. Sie fingen an, zu spielen, zu konsumieren und ihr Vermögen zu verschwenden. Also machten sie Schulden und wendeten sich darum – an den Helden dieses Romans.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Selten dürfte ein Romanheld seit Homer mit einer solchen aus höchster Höhe auf ihn herabstürzenden Kamerafahrt und so prinzipiell eingeführt worden sein. Catherine Gore, die es auf diese ­Weise tat, hatte gar keine philosophischen Absichten. Sie verstand nur die Techniken, Spannung zu erzeugen. Zwischen 1823 und 1858 hat sie mehr als siebzig Werke publiziert: zumeist Romane und Erzählungen, zehn Theaterstücke. Vom „Geldverleiher“ wurden in zwölf Jahren vierzehntausend Exemplare verkauft, für die Zeit eine sehr respektable Menge. Da die meisten Leser sich in Leihbibliotheken versorgten, war ihre Zahl um ein Viel­faches höher. Den Durchbruch am eng­lischen Buchmarkt erzielte Gore 1841 mit „Cecil oder Abenteuer eines Gockels“. Ein guter Titel, denn an der Darstellung von Gockeln – überwiegend männlichen, aber nicht nur – lag ihr viel. Hierzulande ist sie leider völlig unbekannt.

          Silbergabelromane erzählen von der Welt der Oberschicht

          Ihre Romane werden der Gattung der „Silver Fork Novel“ zugeordnet, ein Name, den William Hazlitt 1827 im Umlauf gebracht hatte, um sich über eine Literatur lustig zu machen, die mehr daran interessiert war, mit welchem Besteck die Bessergestellten Fisch aßen, als für ihre Gefühle und Taten. Thomas Carlyles herrliche Geschichte vom „wiedergeschneiderten Schneider“, der „Sartor Resartus“, in der ein deutscher romantischer Professor an einer Philosophie der Kleider arbeitet, hat 1838 diesen Spott perfektioniert. Es waren Jahrzehnte, in denen viel über den Unterschied von Schein und Wesen sowie die Darstellungsüberschüsse im geselligen Verkehr nachgedacht wurde. Besonders in der Großstadt war es nicht leicht herauszufinden, was hinter großen Auftritten steckt. Womöglich war alles nur Fassade.

          Catherine Gore: „Der Geldverleiher“. Ein viktorianischer Roman.
          Catherine Gore: „Der Geldverleiher“. Ein viktorianischer Roman. : Bild: Die Andere Bibliothek

          Die Silbergabelromane, zu deren be­kanntesten Autoren Edward Bulwer Lytton („Pelham“) und Benjamin Disraeli („The Young Duke“) gehörten, erzählten den Lesern aus der Mittelschicht von der Welt der Oberschicht, von Reisen, Luxuskonsum und von der Mode. „Was weiß mein Sohn denn von Herzögen?“, soll Disraelis Vater gefragt haben und traf damit eine durch Welthandel, Tourismus und Großstadtleben entzündete Phantasie. Von Herzögen musste man nur so viel wissen wie heute die „Bunte“, nämlich fast gar nichts. Denn es ging nicht um Herzöge an sich, sondern um solche für das Publikum. Dem Genre trug das und die detailreiche Beschreibung der Warenwelt den Verdacht ein, eine höhere Form von Reklame zu sein. Hazlitt beschwerte sich über zu viel „Macassar Öl, Kölnisch Wasser, Seltzer-Sprudel, Ottos Rosen­extrakt und göttliche Pomade“ in den Romanen.

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