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Carson McCullers: Die Romane : An den Rissen der Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Diogenes Verlag

Die große Südstaaten-Dichterin Carson McCullers kann uns heute noch aufrütteln. Das beweist eine exzellente Neuausgabe ihrer großen Romane.

          Kennen wir diese Rede nicht von den Demonstranten der Occupy-Wallstreet-Bewegung? „In unserem Land herrscht ein großes, wahres Prinzip, nämlich Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“, ruft der wütende Mann. „Und was ist daraus geworden? Auf der einen Seite milliardenschwere Konzerne - auf der andern Seite Hunderttausende, die nichts zu essen haben.“ Nun aber ist die Zeit der Aufklärung gekommen: „Der Wissende sieht, wie das Kapital und die Macht langsam eins wurden. Er sieht das ganze verdammte Heer von Arbeitslosen und sieht, wie Milliarden von Dollars vergeudet werden. Er sieht, dass die Menschen vor lauter Leid gemein und hässlich werden und dass irgendwas in ihnen abstirbt.“

          Die Stimme dieses Wissenden war nicht in Manhattan zu hören. Sie stammt aus dem amerikanischen Süden, schon lange hallt sie durch die Literaturgeschichte. Es sind die Worte von Jake Blount, dem unheiligen Trinker aus dem Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Das Debütwerk von Carson McCullers erschien 1940; Amerika kämpfte mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise, die Reformen des New Deal sorgten zwar für Konsolidierung, eine wirkliche Umverteilung des Reichtums aber fand nicht statt. Roosevelt selbst sagte, seine Regierung habe das System privaten Profits und freien Unternehmertums gerettet. Kein Wunder, dass „Monopoly“ das Brettspiel der Dekade war.

          Woolworth statt Beethoven

          Nun wird wieder kräftig gezockt und geschachert, und im grellen Licht der aktuellen Lage kann man McCullers in neuer Weise lesen, als eminente Kritikerin gesellschaftlicher Strukturen. Als ihr Werk zu Beginn der fünfziger Jahre erstmals in deutscher Übersetzung erschien, war man hierzulande auf Hemingway und Steinbeck fixiert; es musste ein bisschen markiger sein, handlungsorientierter. McCullers empfand man als zu leise, zu lyrisch. Dann setzten sich prominente Leser wie Heinrich Böll und Horst Bienek für sie ein. Letzterer schwärmte: „Sie behandelt einen Stoff, bis er an den Rand seiner Aussagekraft getrieben wird.“ Das stimmt. Heute, in Zeiten der transatlantischen Katastrophen, erreicht uns der „Jäger“-Roman mit der Wucht der politischen Streitschrift. Das liegt auch an seinem zweiten Sujet: Rassismus und wie er eine Nation kulturell aushöhlt und zerstört.

          In der vollständig überarbeiteten Übertragung ist der klare Ton von McCullers nun besser vernehmbar. Die geschraubte Syntax älterer Übersetzungen weicht einer schlanken, eleganten Diktion. So zeigt sich noch deutlicher, dass in diesen Erzähldramen das Persönliche immer auf gesellschaftliche Regeln bezogen ist. Man tut McCullers unrecht, wenn man sie ausschließlich als Symbolistin verehrt, die den Menschen als zwischen Lust und Gewalt gestelltes Rätsel entwirft. Das gilt auch für die Darstellung der Pubertät, einem wesentlichen Thema dieses Romanwerks. Adoleszenz ist für McCullers dabei weniger das Feld zur Erprobung psychologisch-darstellerischer Finessen als eine kritisch aufzuladende Konstruktion. Im „Jäger“-Roman lernen wir Mick kennen. Die Dreizehnjährige leidet am ideologischen Mief der Zeit. Mick hört Beethoven, spart für Klavierstunden, die Kunst könnte ein Ausweg sein. Aber wie gnadenlos McCullers diesen Menschen zurückzwingt in die Verhältnisse! An der Kasse von Woolworth endet der Traum vom musikalischen Virtuosentum.

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