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Neuer Roman von Jennifer Egan : Hänsel und Gretel verliefen sich im Netz

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Pulitzer-Preisträgerin und Expertin des kulturellen Umbruchs: die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan Bild: Getty

Zwölf Jahre nach „Der größere Teil der Welt“ lockt uns die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan in einen Roman aus dem Streaming-Zeitalter: „Candy Haus“. Es ist köstlich, aber jetzt sind wir fast satt.

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          Menschen, denen etwas Großartiges glückt, sind nicht zu beneiden. Irgendwann verstummt der Applaus, die einst revolutionäre Idee staubt ein. Im besten Fall kommen Fans und fragen: „Und nun, Champion?“ Im schlimmsten Fall denkt sich jemand etwas Klügeres aus. Dann muss man die Zähne zusammenbeißen, weitermachen und diese penetrante Stimme im Kopf ignorieren: „Ich fürchte, ich schaffe das kein zweites Mal.“

          Das flüstert Bix Bouton seiner Schwiegermutter nachts ins Telefon. Heimlich, denn eigentlich könnte er sich zurücklehnen. Er hat eine gute Ehe, Kinder und Geld. Alle Welt kennt ihn mit Anzug und Lederkappe und nennt ihn beim Vornamen. So ungewöhnlich wie dieser ist, kann das nur bedeuten, dass er Außergewöhnliches erreicht hat. Der schwarze Internetvisionär hat „Mandala“ gegründet, ein soziales Netzwerk, das Facebook doppelt ähnelt: Erstens hat es die Art, wie Menschen online interagieren, grundsätzlich verändert. Zweitens ist es nicht mehr cool.

          Besitze dein Unterbewusstes

          Bix’ Frage, ob ihm so ein Wurf wohl noch einmal gelingt, könnte ganze Serienstaffeln und Romane füllen. Jennifer Egan handelt sie in den ersten 38 Seiten ihres neuen Romans „Candy Haus“ ab. Es gelingt. Mandalas neuestes Produkt heißt „Besitze dein Unterbewusstes“ und ermöglicht es Menschen, ihre Erinnerungen auszulagern. Wer seine Daten anonymisiert ins sogenannte kollektive Bewusstsein einspeist, bekommt unbegrenzten Zugriff auf die Erinnerungen anderer.

          Egan selbst könnten Bix’ Zweifel bekannt vorkommen. Nicht, weil sie sich mit dem Innenleben von uniformierten Techgiganten auskennt – sie war eine Weile mit Steve Jobs liiert –, sondern weil sie 2011 den Pulitzer-Preis gewonnen hat. Egan bezeichnet „Candy Haus“ als „Geschwisterroman“ zum Pulitzer-Preisträger „Der größere Teil der Welt“, das neue Buch wirkt tatsächlich wie dessen zweiter Teil. Sie hat in der Zwischenzeit andere Bücher veröffentlicht, das in Tweets verfasste „Black Box“ oder das hochdekorierte „Manhattan Beach“. Aber keines musste sich an so hohen Erwartungen messen.

          Auf dem Cover von „Der größere Teil der Welt“ steht zwar „Roman“, doch manche erinnert das Buch eher an inein­ander verflochtene, aber unabhängige Kurzgeschichten. Mit den Jahren hat sich eine weitere Interpretation dazugesellt: das Konzeptalbum. 13 Kapitel – oder Tracks? – skizzieren eine Figurenkonstellation, in deren Zentrum Musikproduzent Bennie Salazar steht. Erzählt werden die Kapitel etwa von seiner kleptomanischen Assistentin Sasha, seinem abgerockten Ex-Bandkollegen Scotty oder Mindy, der viel zu jungen Freundin seines Mentors Lou.

          Junkies, Verlorene, Abgestürzte

          Es ist ein textgewordenes Kaleidoskop aus Figuren, Zeitebenen und Schauplätzen. Bald wird klar, dass Salazar eher ein Ausgangspunkt für das eigentliche Thema des Buches ist: wie der Zeitgeist Menschen zusammenbringt, die sonst nie voneinander erfahren hätten. Tatsächlich muss man eher von Zeitgeistern sprechen, begleitet der Roman seine Charaktere doch von frühen Hippie-Trips über die New-Wave-Phase in ein alternatives Jahr 2020. Alles ist untermalt von Rockmusik, immer wieder taucht Sasha auf. Die wahre Protagonistin aber ist Egans Prosa. Sie ist experimentell und leicht zugleich, mal in der zweiten Person verfasst, mal als Power-Point-Präsentation und höchstens ein bisschen prätentiös: „Hinter dem Schreibtisch gab es nichts als Aussicht – die ganze Stadt war vor uns ausgebreitet, wie Straßenhändler das auf ihren Decken mit billigen, glitzernden Uhren und Gürteln machen. So sah New York aus: wie ein wunderschöner Gegenstand, der leicht zu haben war, sogar für mich.“

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