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Camille de Peretti: Wir werden zusammen alt : Jede Viertelstunde ein Schicksal

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Geschickte Rösselsprünge durchs Reich der langen Weile: Die junge französische Autorin Camille de Peretti überzeugt, amüsiert und unterhält mit einem Roman übers Altwerden. Und stellt dabei ihre erstaunliche Reife unter Beweis.

          Im Altersheim begegnen sich zwei Sorten Menschen: die Besucher, die den Ort abends wieder verlassen können, und die anderen. Sie bleiben winkend auf der Schwelle zurück oder schon abwesend im Sessel. Den einen geht eine Welt auf, den anderen kommt sie allmählich abhanden.
          Die dreißigjährige französische Autorin Camille de Peretti ist nicht die erste, die aus diesem Abgrund heraus Literatur gemacht hat.

          Sie ist aber die bisher wohl einzige, die ihre Beschreibung von Gleichförmigkeit, langer Vorfreude und kurzem Glück, von Bange, Gezänk, Eigensinn und unfreiwilliger Komik nicht sentimental, sarkastisch oder impressionistisch ausufern lässt. In „Wir werden zusammen alt“, einem kompositorischen Gerüst aus Spiel und Ernst hat sie vielmehr die Ereignisse so lange festgezurrt, bis sich die allzu vertrauten Wege zwischen Aufenthaltsraum, Flur, Speisesaal, Getränkeautomat und Pensionärszimmern zum Labyrinth verfremden.

          Schachbrettartige Erzählweise

          Man merkt es nicht gleich beim Lesen dieses Buchs, dass hinter den Kapitelsprüngen im Viertelstundentakt eines Oktobersonntags in der Seniorenresidenz „Les Bégonias“ ein fast schon göttlicher Plan steht. Die Pensionärinnen Alma, Buissonette und Barbier, die im Aufenthaltsraum bis zur Sonntagsmesse am Fernsehen noch zwei Stunden totschlagen müssen, verkürzen sich diese mit kleinen Keifereien. Draußen im Hof raucht die kratzbürstig-depressive Nini im Rollstuhl eine Zigarette nach der anderen und nervt ihre Besucherin mit ständig neuen Wünschen. Im Flur piepst das Handy der Krankenschwester Mozarts „Rondo alla turca“: ein neuer Anruf vom windigen Liebhaber, den die nicht mehr ganz junge Frau endlich abstoßen möchte und nicht kann.

          Die gut getarnte Wiederkehr gewisser Elemente - Stoffe wie Samt, Nylon, Wolle, Gewächse wie Maiglöckchen, Rosen und Birken, aber auch gewisse Schmuckstücke, Farben, Zahlen - sowie die regelmäßigen Standortwechsel der Romankapitel verraten aber, dass diese Seniorenheimwelt nicht allein von Gewohnheiten und Launen bestimmt wird. Wie der Kombinationsvirtuose Georges Perec im Roman „Das Leben Gebrauchsanweisung“ (1978) das dort beschriebene Mietshaus vertikal aufschnitt und mit bestimmten Vorgaben das Geschehen in den zehn mal zehn Räumen beschrieb, hat Camille de Peretti den Raum der Altersresidenz „Les Bégonias“ in vierundsechzig Kapitelfelder aufgeteilt. Mit dem Bewegungsmuster des Rösselsprungs auf dem Schachbrett - zwei voran, einer seitwärts, oder umgekehrt - arbeitet die Erzählung sich vom Empfangsraum über Flure, Friseursalon, Kapelle, Arzneimittellager, Küche und Seniorenzimmer durch die ganze Residenz: jede Viertelstunde ein anderer Ort, von morgens um neun bis nachts Viertel vor eins, mit immer neuen Requisitenvorgaben.

          Wöchentliche Besuche bei der Großtante

          Dieses an die französische Oulipo-Gruppe (Ouvroir de littérature potentielle) anknüpfende Verfahren ist bei den guten Autoren wie Jacques Roubaud, Marcel Benabou oder Olivier Salon nicht einfach ein Trick, fehlenden Erzählstoff durch Formspielerei zu kompensieren, im Gegenteil. Es schärft die thematischen Entwicklungsmöglichkeiten. Camille de Peretti gehörte nie zu diesem Kreis, bedient sich aber geschickt seiner Regeln. Die 1980 in Paris Geborene war einige Jahre in Amerika als Finanzberaterin sowie in Japan als Fernsehköchin tätig und wurde vor fünf Jahren mit „Thornythorinx“ bekannt, einem Roman über die Magersucht. „Wir werden zusammen alt“ war 2008 ihr dritter in Frankreich erschienener Roman.

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