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1 Buch, 1 Satz : Die Geschichte eines Pogroms

Bild: FAZ.NET

Ein unvergessliches Finale: Das seltsame Lektüreerlebnis von Cătălin Mihuleacs Roman „Oxenberg & Bernstein“.

          Nach 355 Seiten nimmt dieser Roman eine dramatische Wende, also gerade einmal sieben Seiten vor Schluss. Es ist keine inhaltliche Volte, sondern eine stilistische, und sie rechtfertigt alles, was vorher geschah – wieder stilistisch verstanden, nicht inhaltlich. Denn zu rechtfertigen, was am 29. Juni 1941 in der rumänischen Stadt Iaşi geschah, ist unmöglich. Damals fand eine Razzia in den jüdischen Haushalten von Iaşi statt, eine Woche nachdem das nationalsozialistische Deutschland mit Unterstützung seines Verbündeten Rumänien den Angriff auf die Sowjetunion begonnen hatte und damit auch die mörderische „Endlösung der Judenfrage“. 13 266 Menschen starben in den nächsten Tagen, fast ausschließlich Männer, die, sofern sie nicht schon in der Stadt ermordet wurden, in den Deportationszügen unter fürchterlichen Umständen zugrunde gingen. Auf vierzehn Seiten führt Cătălin Mihuleac uns nach zwei Dritteln seines Romans „Oxenberg & Bernstein“ in das Inferno der Waggons, in denen zwei seiner Protagonisten, der Gynäkologe Jacques Oxenberg und dessen Sohn, sitzen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und er tut das auf ein Weise, die man geneigt ist, unerträglich zu nennen, nicht nur wegen der Drastik des Verbrechens, sondern auch des bisweilen burlesken Tons, mit dem dieser Totentanz beschrieben wird: „Damit sich eine wenn auch geringe Note von Zivilisation im Waggon einniste, reißt Carol Drimmer im Geiste Seite um Seite aus der von ihm . . . ins Deutsche übersetzten Anthologie der rumänischen Erzählung. Er faltet die Blätter fein säuberlich und verteilt sie an die Eingesperrten, damit sie ihnen als Premium-Klopapier dienlich seien. Gestern hatte ihn ein Polizist an der Quästur gezwungen, die vom italienischen Konsulat erhaltene Bescheinigung aufzuessen. Er hat sie interessiert zerkaut: Sie hatte den unverwechselbaren Geschmack der Niederlage. Das Klopapier wird von einigen entschieden zurückgewiesen – ich kann überhaupt kein Papier sehen, mein Herr, du träumst, lass mich doch damit in Frieden! –, aber die meisten nehmen es entgegen, benutzen es und überschütten Drimmer mit einem wahren Regen an Komplimenten. Eine großartige und vor allem zivilisierte Initiative, Meister!“ Der Wahnsinn hat die eingepferchten, erstickenden Todgeweihten schon im Griff, dementsprechend wahnsinnig ist auch das Panorama in diesem Buch.

          Doch schon zuvor hat es einen Ton angeschlagen, der verstört: deftige Schilderungen aus der gynäkologischen Praxis Doktor Oxenbergs und manche Zote mehr – das alles in einem Buch, das zwei jüdische Familiengeschichten durchs zwanzigste Jahrhundert verfolgt: einmal die der aus Iaşi stammenden Bernsteins, die es zum Glück schon vor dem Krieg nach Amerika verschlagen hat und die 2001 als erfolgreiche Geschäftsleute zurückkommen, um sich auch im Herkunftsort zu engagieren, und dann die der Oxenbergs, die, Kapitel für Kapitel abwechselnd mit der der Bernsteins erzählt, 1937 einsetzt, also die letzten friedlichen, aber schon antisemitisch vergifteten Jahre schildert, bis dann das Schlimmste eintritt. Dass es eine Person gibt, die über den zeitlichen Abstand hinweg beide Familien verbindet, ist jedem Leser klar. Wer es ist, sicher auch, und zwar bevor die Verbindung explizit hergestellt wird.

          Und da kommen wir wieder zu jener Wende von Seite 356. Die besteht in einem Brief, der zum Schönsten und Bewegendsten gehört, was die europäische Literatur zu bieten hat. Gefragt, ob all die Frivolität angesichts des ja absehbaren Mordgeschehens, all die vorherige Flapsigkeit des Sprachniveaus ihm nur dazu gedient habe, größtmöglichen Kontrast zur Humanität und Eleganz dieses siebeneinhalbseitigen Brieftextes zu erzeugen, antwortet Cătălin Mihuleac, dass er selbst nicht wisse, wie ihm die Person des Briefeschreibers ins Buch geraten sei; auf einmal habe sie sich eingeschlichen. Der sonstige Tonfall sei von ihm gewählt worden, weil er in Rumänien ein anderes als das übliche Publikum für Romane über die Schoa habe ansprechen wollen, ein junges, eines, das man aufklären müsse über das, was im Land damals geschehen ist, auch in Iaşi, wo Mihuleac 1960 geboren wurde. Und diese Aufklärung habe eben andere Stilmittel verlangt als einen bloßen Realismus des Schreckens.

          Aber darf man im Schatten der Schoa witzeln? Mihuleac wird selbst unwohl dabei gewesen sein, denn einmal flicht er eine Passage ein, die wie eine Selbstrechtfertigung daherkommt: „Der Bub ist schlau“, sagt da seine Ich-Erzählerin der Bernstein-Kapitel, die auch aus Iaşi stammende, wegen ihrer Heirat mit einem Bernstein-Sohn zum Judentum konvertierte Suzy, über einen ihrer Schwager. „Er weiß, dass du selber den Ton der Heiterkeit bestimmen musst, wenn sich jemand auf deine Kosten lustig machen will.“ Der Demütigung der Juden aus Iaşi wird im Roman mit den Mitteln des Humors begegnet, wobei die Nähe zum Klischee gefährlich ist.

          Als der Zsolnay Verlag bei Ernest Wichner, der für ihn schon mehrere Bücher aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt hatte, anfragte, wie Wichner Mihuleacs 2014 im Original erschienenes Buch einschätze, riet der zunächst von einer deutschen Veröffentlichung ab; auch ihm, der mit Varujan Vosganians „Buch des Flüsterns“ die große Romanschilderung über das Schicksal der armenischen Minderheit in Rumänien übersetzt hat, schien der Ton von Mihuleacs Werk unangebracht, ja unangenehm. Und doch setzte Wichner sich dann nachträglich dafür ein, als er hörte, dass der Autor daheim angegriffen wurde für das Buch, weil es an ein rumänisches Tabu rührt: die Mitwirkung an der Schoa. So übersetzte Wichner „Oxenberg & Bernstein“ doch noch, jetzt ist er damit für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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          Zu Recht, denn ungeachtet seines ursprünglichen Zurückschreckens vor Mihuleacs Sprache hat Wichner sie treu, also genauso schwer erträglich wie im Original, ins Deutsche gebracht. Und wenn man sich löst vom eigenen Widerstand dagegen und bis zur Seite 356 durchhält, dann erweist sich der Roman als eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, die man nicht vergessen wird: Nicht nur wird das gigantische Verbrechen am Beispiel eines weitgehend unbekannten Pogroms mit einer Anschaulichkeit geschildert, die man nur von den Größten kannte, von Primo Levi, Imre Kértesz, Jean Améry, Robert Antelme; es wird auch noch eine böse Skizze Rumäniens nach der Revolution von 1989 und all der gesellschaftlichen und kommerziellen Seltsamkeiten der Jahrzehnte seither geboten. Dieser Aspekt verblasst zwar gegenüber der Gewalt des Berichts über das Pogrom von Iaşi, aber er profitiert wiederum von Mihuleacs provozierender Sprache, denn all deren Frivolität, Flapsigkeit und Ironie ist dort gar nicht mehr fehl am Platze, wo es „nur“ um Bauernschläue und Dreistigkeit, um Korruption und Vetternwirtschaft geht. In den gegenwartsnahen Kapiteln erholt man sich also von denen über die dreißiger und vierziger Jahre. Bis es am Schluss zum erwähnten Brief kommt. Über den Suzy sagt: „Nirgendwo und niemals mehr sonst ist mir eine so zartfühlende Manipulation begegnet. Auf ein paar Seiten.“ Das stimmt – auch über die Handlung von „Oxenberg & Bernstein“ hinaus.

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