https://www.faz.net/-gr3-9u2hf

Cărtărescus neuer Roman : Das Schöne rettet die Welt

So sieht ein Solenoid aus, hier am CERN bei Genf. Bild: AFP

Ein zwölfseitiger Hilfeschrei als Ausdruck der menschlichen Agonie? Mircea Cărtărescu kann sich das leisten, denn in seinem überbordenden Roman „Solenoid“ hat er den Raum dazu. Und die außerdem nötige Poesie.

          5 Min.

          Zur Begriffsklärung des Titels vorweg dies: Ein Solenoid bezeichnet eine zylinderförmig möglichst eng gewickelte Drahtspule, mit der ein Magnetfeld erzeugt werden kann. So weit die technische Praxis. In der literarischen Fiktion von Mircea Cărtărescus neuem Roman „Solenoid“ sind sechs solcher Spulen ins Riesenhafte vergrößert unter dem Stadtkern von Bukarest angebracht: eine in der Mitte und fünf schwächere, aber immer noch sehr wirkungsmächtige kreisförmig darum herum, eine davon unter dem Haus des namenlosen Ich-Erzählers.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wenn er sich über architektonisch verschachtelte Wege abwärts bewegt, klingt das wechselweise wie Lovecraft in der Beschwörung namenlosen Grauens und wie Borges in der dann wieder akribisch-präzisen Kälte einer Prosa wie dieser hier: „Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, war die Welt verschwunden. Nicht nur konnte ich nichts mehr sehen, das Sehen selbst war verschwunden. Ich erinnerte mich nicht mehr, was es hieß, sehen zu können. Ich schloss und öffnete die Augen, ohne eine Änderung zu spüren. Auch die anderen Sinne mit den dazugehörigen Lichtern waren verschwunden, bis auf den Druck meiner Sohlen auf dem Gitter.

          Ohne Einfluss des Phantastischen geht es nicht

          Äußerst verschreckt versuchte ich, die Tür wieder zu öffnen. Aber es gab keine Tür mehr. Es gab auch die Wände um mich herum nicht mehr. Meine Hände ragten ins Leere, ins Nichts, und meine Fingerspitzen wollten sich wie Insektenfühler an die Wirklichkeit klammern. Oder wie ganz geringfügige elektrische Entladungen die Wirklichkeit generieren. Aber sie kehrten reglos und ohne eine Nachricht aus Tod und Ödnis zurück. Ich war allein, hing wie eine Statue auf meinem Gitterabsatz in der Unendlichkeit der Nacht.“

          Der rumänische Autor Mircea Cartarescu sitzt am 11.03.2015 in der Lobby eines Hotels in Leipzig. In seinem neuen Roman „Solenoid“ – ein Hohelied auf die Liebe und das Leben.

          Dieses lange Zitat ist nur ein winziger Ausschnitt aus einer mehrere Seiten umfassenden Beschreibung des Wegs hinab zum Solenoid. Cărtărescu nimmt sich generell viel Zeit, schafft opulente Bilder und Visionen. Sein Roman bietet dafür neunhundert Seiten Raum, und wer mit Phantastik nichts anfangen kann, der spare sich die Lektüre. Aber er verpasst dann auch ein Bravourstück zeitgenössischer Literatur, die ihre Wurzeln in der Tradition hat.

          Nicht umsonst ist eine Passage aus Kafkas Tagebüchern emotionales Leitmotiv des Ich-Erzählers, das Ideal, das er als Schriftsteller immer vor Augen gehabt hätte, wenn nicht seine erste Talentprobe, eine epische Gedichtrezitation im Oktober 1977 vor einem privaten Literaturkreis, ein Debakel gewesen wäre, worauf der harsch abgeurteilte Dichter lieber in den Schuldienst ging. Die Lebenslinie des Erzählers (Geburtsjahr, Herkunft, Berufsweg) deckt sich weitgehend mit der des Autors Cărtărescu, nur dass dieser Erfolg mit seinen frühen Gedichten hatte. Man darf sich wohl den echten Cărtărescu als den erfolgreichen Schriftsteller in einem Paralleluniversum vorstellen, den der Ich-Erzähler immer wieder heraufbeschwört.

          Er tut das ohne Sehnsucht, denn noch schreibt er selbst auch weiter, allerdings ohne jede literarische Wirkungsabsicht: ein ausuferndes Tagebuch, in das auch Kindheitsreminiszenzen oder alte Traumnotate eingehen und als das man den Roman ansehen muss, den man gerade liest. Damit bedient Cărtărescu eine romantische Erzähltradition, und „Solenoid“ ist denn auch ein Nachtstück geworden, noch dunkler als seine 2007 im rumänischen Original abgeschlossene „Orbitor“-Romantrilogie, die ihren Autor international berühmt und zum Daueranwärter auf den Literaturnobelpreis gemacht hat. Tonfall und Genremischungen indes sind dieselben geblieben, was alte Cărtărescu-Leser begeistern, ihm aber wohl keine neuen zutreiben wird.

          Kaum Erholungspunkte

          Cărtărescu selbst bezeichnet „Solenoid“ und „Orbitor“ als die entscheidenden Werke für sein ganzes Schreiben. Auf die Trilogie liefen seine ersten dreißig Jahre als Schriftsteller hinaus; nach deren Abschluss konnte er dann vier Jahre lang nichts Neues mehr zu Papier bringen – „als hätte ich keine Worte mehr“, sagte er letztes Jahr bei einem Gespräch in Bukarest. Dann aber kam ein vierjähriger Schreibfluss, und am Ende stand mit „Solenoid“ einer der erfolgreichsten rumänischen Romane der letzten Jahre mit zwanzigtausend verkauften Exemplaren und Übersetzungen in bislang zehn Sprachen.

          Mircea Cărtărescu: „Solenoid“. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag, Wien 2019. 905 S., geb., 36,–

          Obwohl die deutsche Übersetzung von Ernest Wichner ihrerseits vier Jahre brauchte, darf man das angesichts des Formen- und Farbenreichtums dieser Prosa schnell nennen, denn in „Solenoid“ hat Cărtărescu noch viel mehr hineingepackt als in die Vorgängerbücher, und nur selten gibt es einen Erholungspunkt wie die zwölfseitige permanente Wiederholung des Wortes „ajutor!“ (Hilfe!) – ein Notschrei, den ein vielstimmiger Chor in einer der Phantasmagorien anstimmt. Erholung indes nur für den Übersetzer, nicht für den Leser, den dieses „Lied unserer verängstigten Agonie“ in denselben Zustand versetzt wie den Ich-Erzähler, dem dieser Ausbruch der Mühseligen und Beladenen Schauer durch den Körper jagt. In der deutschen Literatur gibt es dazu seit letztem Jahr eine Schwester: „Schattenfroh“ von Michael Lentz. In Absicht und Mitteln ähnlichere Bücher bei gleichzeitig höchster Exzentrik sind kaum denkbar.

          „Solenoid“ ist ein geradezu grausam körperliches Buch in der wiederholten Beschwörung von Gänsehaut und Haarsträuben, aber auch von Sexszenen, in denen sich eine eher altmännerhafte Erotik zeigt, der das weibliche Fleisch gar nicht genug prangen und klaffen kann. Dann aber wieder kommen Sequenzen größter Zartheit in einer Beschreibungsgenauigkeit, die das Bukarest der jungen Jahre von Cărtărescu wie unter dem Brennglas zeigen. Und doch auch die Gegenwart porträtieren: „Sehen Sie sich nur diesen Boulevard an!“, rief der Autor im Gespräch aus. „Hier ist kaum etwas renoviert. Wo gibt es das sonst noch in Europa?“ Aber darin sieht er keinen Nachteil.

          Federleicht ist deshalb auch sein Stadtporträt, obwohl die Zeit des Sozialismus bleischwer auf den Menschen im Buch lastet, aber im Privaten findet sich Erlösung von diesem Gewicht. Und am Schluss sind es die so tief im Untergrund versenkten Solenoide, die als magisch-technische Hilfsmittel den Blick nach oben richten lassen. Nicht nur das Ewigweibliche (aber das ganz besonders) zieht hier hinan. Das Fliegen – ein vertrautes Traummotiv – ist von Beginn ebenso präsentes Handlungselement wie die Schmerzen ärztlicher Behandlungen, die dem Erzähler durch eine Vielzahl an Zahnarztstühlen immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

          Zwischen Einsamkeit und Solidarität

          Cărtărescu hat wie Lovecraft ein fixes verbales Repertoire für Grenzerfahrungen, aber umso mehr Worte für die Heraufbeschwörung seiner Heimatstadt und der Liebe. Der Roman geht bis zum Jahr 1984, natürlich kein Zufall: einmal das literarisch-mythische Orwell-Jahr, aber dann auch noch ein Zeitpunkt vor dem Zusammenbruch der Ceauşescu-Herrschaft über Rumänien. Es ist trotzdem kein primär politisches Buch; die Securitate spielt mit, aber nur eine Nebenrolle, die große Politik gar keine, während in vielen kleinen Szenen der Wahnsinn des damaligen Gesellschaftssystems porträtiert wird, am schönsten in einer kleinen Binnenerzählung über die Wertstoffsammelpflichten rumänischer Schüler, die zu einem grotesken gegenseitigen Diebstahl von Recyclingmaterial unter deren Schulen führt. Gemeinsam mit einer gleichsam wie ein poliertes Juwel in die Riesenfassung dieses Romans eingelassenen Vignette über einen Konflikt im Lehrerzimmer an der Schule des Ich-Erzählers sind das literarische Preziosen, die Cărtărescu als einen der virtuosesten Erzähler unserer Zeit ausweisen.

          Und doch gibt es Passagen – und die können bisweilen sehr lang ausfallen –, in denen „Solenoid“ Mühe macht, und zwar nicht die süße der literarischen Herausforderung des Lesers, sondern die ermüdende angesichts einer Überambition des Verfassers. Cărtărescu selbst fasst den Unterschied zu „Orbiter“ so: „Die Trilogie war ästhetisch motiviert, ,Solenoid‘ ist ethisch grundiert.“

          Behandelt werde die Entscheidung zwischen Einsamkeit und Solidarität, natürlich ein beherrschendes gesellschaftliches Thema im nachrevolutionär notorisch unruhigen Rumänien, das just zur Zeit der Niederschrift des Romans vehemente innenpolitische Auseinandersetzungen erlebte, in denen sich Cărtărescu auf die Seite der demokratischen Opposition schlug. Sein Alter Ego, der anfangs so misanthropisch wirkende Erzähler, erblüht im Verlauf der stets wachsenden Verzauberung des technisch-futurologisch unterwanderten Bukarests selbst zum Liebenden, der in der Geburt seiner Tochter ein Hoffnungsprinzip für die ganze Welt verkörpert sieht.

          „Das Schöne wird die Welt retten“, hat Cărtărescu Dostojewski zitiert, und genau das geschieht in „Solenoid“, was den Leser weniger überrascht sein lässt, als es der Romanautor letztes Jahr in Bukarest selbst vorgab zu sein. Aber ein Hohelied auf die Liebe und das Leben ist „Solenoid“ doch geworden.

          Weitere Themen

          Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor Video-Seite öffnen

          Berlinale : Johnny Depp stellt neuen Film „Minamata“ vor

          Dank der Dokumentation durch den Fotografen W. Eugene Smith in den 70er Jahren, gespielt von Johnny Depp, konnten die Verantwortlichen einer Massenvergiftung in Japan vor Gericht gestellt werden.

          Topmeldungen

          F.A.Z. Exklusiv : Hanauer Attentäter suchte Hilfe bei Detektei

          Der Attentäter von Hanau hat sich im Oktober 2019 mit einem Detektiv getroffen. Er bat ihn um Hilfe, weil er sich von einem Geheimdienst beschattet sah. Die Aussagen, die Tobias R. damals machte, stützen das Bild eines geisteskranken Täters.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.