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Cărtărescus neuer Roman : Das Schöne rettet die Welt

So sieht ein Solenoid aus, hier am CERN bei Genf. Bild: AFP

Ein zwölfseitiger Hilfeschrei als Ausdruck der menschlichen Agonie? Mircea Cărtărescu kann sich das leisten, denn in seinem überbordenden Roman „Solenoid“ hat er den Raum dazu. Und die außerdem nötige Poesie.

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          Zur Begriffsklärung des Titels vorweg dies: Ein Solenoid bezeichnet eine zylinderförmig möglichst eng gewickelte Drahtspule, mit der ein Magnetfeld erzeugt werden kann. So weit die technische Praxis. In der literarischen Fiktion von Mircea Cărtărescus neuem Roman „Solenoid“ sind sechs solcher Spulen ins Riesenhafte vergrößert unter dem Stadtkern von Bukarest angebracht: eine in der Mitte und fünf schwächere, aber immer noch sehr wirkungsmächtige kreisförmig darum herum, eine davon unter dem Haus des namenlosen Ich-Erzählers.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wenn er sich über architektonisch verschachtelte Wege abwärts bewegt, klingt das wechselweise wie Lovecraft in der Beschwörung namenlosen Grauens und wie Borges in der dann wieder akribisch-präzisen Kälte einer Prosa wie dieser hier: „Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, war die Welt verschwunden. Nicht nur konnte ich nichts mehr sehen, das Sehen selbst war verschwunden. Ich erinnerte mich nicht mehr, was es hieß, sehen zu können. Ich schloss und öffnete die Augen, ohne eine Änderung zu spüren. Auch die anderen Sinne mit den dazugehörigen Lichtern waren verschwunden, bis auf den Druck meiner Sohlen auf dem Gitter.

          Ohne Einfluss des Phantastischen geht es nicht

          Äußerst verschreckt versuchte ich, die Tür wieder zu öffnen. Aber es gab keine Tür mehr. Es gab auch die Wände um mich herum nicht mehr. Meine Hände ragten ins Leere, ins Nichts, und meine Fingerspitzen wollten sich wie Insektenfühler an die Wirklichkeit klammern. Oder wie ganz geringfügige elektrische Entladungen die Wirklichkeit generieren. Aber sie kehrten reglos und ohne eine Nachricht aus Tod und Ödnis zurück. Ich war allein, hing wie eine Statue auf meinem Gitterabsatz in der Unendlichkeit der Nacht.“

          Der rumänische Autor Mircea Cartarescu sitzt am 11.03.2015 in der Lobby eines Hotels in Leipzig. In seinem neuen Roman „Solenoid“ – ein Hohelied auf die Liebe und das Leben.

          Dieses lange Zitat ist nur ein winziger Ausschnitt aus einer mehrere Seiten umfassenden Beschreibung des Wegs hinab zum Solenoid. Cărtărescu nimmt sich generell viel Zeit, schafft opulente Bilder und Visionen. Sein Roman bietet dafür neunhundert Seiten Raum, und wer mit Phantastik nichts anfangen kann, der spare sich die Lektüre. Aber er verpasst dann auch ein Bravourstück zeitgenössischer Literatur, die ihre Wurzeln in der Tradition hat.

          Nicht umsonst ist eine Passage aus Kafkas Tagebüchern emotionales Leitmotiv des Ich-Erzählers, das Ideal, das er als Schriftsteller immer vor Augen gehabt hätte, wenn nicht seine erste Talentprobe, eine epische Gedichtrezitation im Oktober 1977 vor einem privaten Literaturkreis, ein Debakel gewesen wäre, worauf der harsch abgeurteilte Dichter lieber in den Schuldienst ging. Die Lebenslinie des Erzählers (Geburtsjahr, Herkunft, Berufsweg) deckt sich weitgehend mit der des Autors Cărtărescu, nur dass dieser Erfolg mit seinen frühen Gedichten hatte. Man darf sich wohl den echten Cărtărescu als den erfolgreichen Schriftsteller in einem Paralleluniversum vorstellen, den der Ich-Erzähler immer wieder heraufbeschwört.

          Er tut das ohne Sehnsucht, denn noch schreibt er selbst auch weiter, allerdings ohne jede literarische Wirkungsabsicht: ein ausuferndes Tagebuch, in das auch Kindheitsreminiszenzen oder alte Traumnotate eingehen und als das man den Roman ansehen muss, den man gerade liest. Damit bedient Cărtărescu eine romantische Erzähltradition, und „Solenoid“ ist denn auch ein Nachtstück geworden, noch dunkler als seine 2007 im rumänischen Original abgeschlossene „Orbitor“-Romantrilogie, die ihren Autor international berühmt und zum Daueranwärter auf den Literaturnobelpreis gemacht hat. Tonfall und Genremischungen indes sind dieselben geblieben, was alte Cărtărescu-Leser begeistern, ihm aber wohl keine neuen zutreiben wird.

          Kaum Erholungspunkte

          Cărtărescu selbst bezeichnet „Solenoid“ und „Orbitor“ als die entscheidenden Werke für sein ganzes Schreiben. Auf die Trilogie liefen seine ersten dreißig Jahre als Schriftsteller hinaus; nach deren Abschluss konnte er dann vier Jahre lang nichts Neues mehr zu Papier bringen – „als hätte ich keine Worte mehr“, sagte er letztes Jahr bei einem Gespräch in Bukarest. Dann aber kam ein vierjähriger Schreibfluss, und am Ende stand mit „Solenoid“ einer der erfolgreichsten rumänischen Romane der letzten Jahre mit zwanzigtausend verkauften Exemplaren und Übersetzungen in bislang zehn Sprachen.

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