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Cărtărescus neuer Roman : Das Schöne rettet die Welt

Mircea Cărtărescu: „Solenoid“. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag, Wien 2019. 905 S., geb., 36,–

Obwohl die deutsche Übersetzung von Ernest Wichner ihrerseits vier Jahre brauchte, darf man das angesichts des Formen- und Farbenreichtums dieser Prosa schnell nennen, denn in „Solenoid“ hat Cărtărescu noch viel mehr hineingepackt als in die Vorgängerbücher, und nur selten gibt es einen Erholungspunkt wie die zwölfseitige permanente Wiederholung des Wortes „ajutor!“ (Hilfe!) – ein Notschrei, den ein vielstimmiger Chor in einer der Phantasmagorien anstimmt. Erholung indes nur für den Übersetzer, nicht für den Leser, den dieses „Lied unserer verängstigten Agonie“ in denselben Zustand versetzt wie den Ich-Erzähler, dem dieser Ausbruch der Mühseligen und Beladenen Schauer durch den Körper jagt. In der deutschen Literatur gibt es dazu seit letztem Jahr eine Schwester: „Schattenfroh“ von Michael Lentz. In Absicht und Mitteln ähnlichere Bücher bei gleichzeitig höchster Exzentrik sind kaum denkbar.

„Solenoid“ ist ein geradezu grausam körperliches Buch in der wiederholten Beschwörung von Gänsehaut und Haarsträuben, aber auch von Sexszenen, in denen sich eine eher altmännerhafte Erotik zeigt, der das weibliche Fleisch gar nicht genug prangen und klaffen kann. Dann aber wieder kommen Sequenzen größter Zartheit in einer Beschreibungsgenauigkeit, die das Bukarest der jungen Jahre von Cărtărescu wie unter dem Brennglas zeigen. Und doch auch die Gegenwart porträtieren: „Sehen Sie sich nur diesen Boulevard an!“, rief der Autor im Gespräch aus. „Hier ist kaum etwas renoviert. Wo gibt es das sonst noch in Europa?“ Aber darin sieht er keinen Nachteil.

Federleicht ist deshalb auch sein Stadtporträt, obwohl die Zeit des Sozialismus bleischwer auf den Menschen im Buch lastet, aber im Privaten findet sich Erlösung von diesem Gewicht. Und am Schluss sind es die so tief im Untergrund versenkten Solenoide, die als magisch-technische Hilfsmittel den Blick nach oben richten lassen. Nicht nur das Ewigweibliche (aber das ganz besonders) zieht hier hinan. Das Fliegen – ein vertrautes Traummotiv – ist von Beginn ebenso präsentes Handlungselement wie die Schmerzen ärztlicher Behandlungen, die dem Erzähler durch eine Vielzahl an Zahnarztstühlen immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

Zwischen Einsamkeit und Solidarität

Cărtărescu hat wie Lovecraft ein fixes verbales Repertoire für Grenzerfahrungen, aber umso mehr Worte für die Heraufbeschwörung seiner Heimatstadt und der Liebe. Der Roman geht bis zum Jahr 1984, natürlich kein Zufall: einmal das literarisch-mythische Orwell-Jahr, aber dann auch noch ein Zeitpunkt vor dem Zusammenbruch der Ceauşescu-Herrschaft über Rumänien. Es ist trotzdem kein primär politisches Buch; die Securitate spielt mit, aber nur eine Nebenrolle, die große Politik gar keine, während in vielen kleinen Szenen der Wahnsinn des damaligen Gesellschaftssystems porträtiert wird, am schönsten in einer kleinen Binnenerzählung über die Wertstoffsammelpflichten rumänischer Schüler, die zu einem grotesken gegenseitigen Diebstahl von Recyclingmaterial unter deren Schulen führt. Gemeinsam mit einer gleichsam wie ein poliertes Juwel in die Riesenfassung dieses Romans eingelassenen Vignette über einen Konflikt im Lehrerzimmer an der Schule des Ich-Erzählers sind das literarische Preziosen, die Cărtărescu als einen der virtuosesten Erzähler unserer Zeit ausweisen.

Und doch gibt es Passagen – und die können bisweilen sehr lang ausfallen –, in denen „Solenoid“ Mühe macht, und zwar nicht die süße der literarischen Herausforderung des Lesers, sondern die ermüdende angesichts einer Überambition des Verfassers. Cărtărescu selbst fasst den Unterschied zu „Orbiter“ so: „Die Trilogie war ästhetisch motiviert, ,Solenoid‘ ist ethisch grundiert.“

Behandelt werde die Entscheidung zwischen Einsamkeit und Solidarität, natürlich ein beherrschendes gesellschaftliches Thema im nachrevolutionär notorisch unruhigen Rumänien, das just zur Zeit der Niederschrift des Romans vehemente innenpolitische Auseinandersetzungen erlebte, in denen sich Cărtărescu auf die Seite der demokratischen Opposition schlug. Sein Alter Ego, der anfangs so misanthropisch wirkende Erzähler, erblüht im Verlauf der stets wachsenden Verzauberung des technisch-futurologisch unterwanderten Bukarests selbst zum Liebenden, der in der Geburt seiner Tochter ein Hoffnungsprinzip für die ganze Welt verkörpert sieht.

„Das Schöne wird die Welt retten“, hat Cărtărescu Dostojewski zitiert, und genau das geschieht in „Solenoid“, was den Leser weniger überrascht sein lässt, als es der Romanautor letztes Jahr in Bukarest selbst vorgab zu sein. Aber ein Hohelied auf die Liebe und das Leben ist „Solenoid“ doch geworden.

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