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: Bücher machen Leute

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Wer in diesen Zeiten der üblen Laune das Positive sucht, der wende sich den Büchern von Hanns-Josef Ortheil zu. Da schreiben nicht unglückliche alternde Schriftsteller an Texten über unglückliche alternde Schriftsteller, da gelingen die Bücher wie das Leben, und die Liebe ist kein Ding der Unmöglichkeit.

          Wer in diesen Zeiten der üblen Laune das Positive sucht, der wende sich den Büchern von Hanns-Josef Ortheil zu. Da schreiben nicht unglückliche alternde Schriftsteller an Texten über unglückliche alternde Schriftsteller, da gelingen die Bücher wie das Leben, und die Liebe ist kein Ding der Unmöglichkeit. Sein neuer Roman zeigt ihn auf der Höhe einer Entwicklung, die ihn von biographischem und historistischem Erzählen zur intelligenten Unterhaltungsliteratur und schließlich zur Form des auf Aktualität zielenden Gesellschaftsromans geführt hat.

          "Die geheimen Stunden der Nacht" ist eine so detaillierte wie spannende Darstellung des Verlagsgewerbes. Das Thema war nach den das Mythische streifenden Vorgängen um einige deutsche Verlagshäuser wohl fällig. Um es produktiv aufzugreifen aber, braucht es Kenntnisse, und die bezieht Ortheil aus nächster Nähe. So ist das Buch seiner Frau, der Verlegerin Imma Klemm, gewidmet. Der Autor vergißt nicht zu erwähnen, daß sie die Urenkelin des Verlegers Adolf von Kröner ist, der die Buchpreisbindung durchsetzte. Derart ist der Roman auch eine Hommage an die verbliebenen Traditionshäuser und ihre Art des Büchermachens - und ist bestimmt nicht nostalgisch gemeint.

          Georg von Heuken, Sohn eines Kölner Verlegers vom knorrigen alten Schlag, ist schon fünfzig Jahre alt, als der zweite Herzinfarkt seines unnahbaren Vaters ihm zunächst schreckhaft die Aussicht eröffnet, den Verlag zu übernehmen. Auf dem Weg dahin muß er seine Schwester Ursula überzeugen und den angeberischen Bruder Christoph ausstechen und sich argwöhnischen Beobachtern innerhalb und außerhalb des Verlages aussetzen, die ihm das Format seines Vaters nicht zutrauen. Die Nagelprobe ist der Umgang mit dem eitlen alten Starautor des Verlags, Wilhelm Hanggartner, der immer für eine Hunderttausender-Auflage gut ist, sein neues Manuskript aber nur dem befreundeten Patriarchen übergeben will. Daß es von Heuken gelingt, Hanggartner den Bauch zu pinseln, ohne aus der Rolle zu fallen, verbucht er als erstes Zeichen wachsender Souveränität.

          Trotz der nahenden Buchmesse aber kann er sich nicht nur auf das Geschäft konzentrieren. Es drängt ihn zu erfahren, was sein Vater in der Suite des Domhotels getrieben hat, in der ihn der Infarkt ereilte. Dabei entdeckt er die verborgenen Seiten seines Vaters und zugleich Wünsche und Leidenschaften in sich, die während seiner brav und monogam geführten Ehe jahrzehntelang nicht zutage getreten waren. Schließlich gilt es, sich auch in der Liebe gegen den Vater durchzusetzen. In der Auseinandersetzung mit seiner Herkunft nähert er sich dem Vater immer mehr an und muß feststellen, daß es womöglich gar nicht schlimm ist, so zu werden wie er.

          Fast schon didaktisch aufbereitet, erfährt der Leser alles Wichtige über die Buchproduktion - von der Manuskriptbearbeitung über die Autorenpflege bis zu Herstellung und Marketing nebst brancheninternem Jargon und Witz. Das Personal ist vom Lektor über die Agentin bis zur Sekretärin typisch, zugleich aber stattet der Erzähler jede Figur in milder Ironie mit einer individuellen Charakteristik aus, und mit einer Ausnahme werden sie alle früher oder später liebenswert. Das Ganze wird eingebettet in jede Menge Kölner Lokalkolorit mit "Kölsch" und "Krüstchen".

          Wie gewohnt läßt Ortheil auch im neuen Roman seiner Lust an der Beschreibung von Orten und Dingen freien Lauf. In der Geschichte wird das aber spezifisch motiviert, indem die Entwicklung des Helden auch als eine des immer wacheren Hinsehens erscheint. So läßt sich das Rheinufer mit der gleichen Intensität schildern wie die Einrichtung eines Hotelzimmers, einen roten Sportwagen der Marke Mazda, einen Floating-Tank, in dem sich Georg von Heuken zu entspannen pflegt, oder ein Kleidungsstück, das die schöne Vorzimmerdame Joana trägt, die der Held mit neuen Augen anschaut. Es "handelt sich um einen eher weiten Blazer aus feiner, im Licht des Deckenstrahlers schimmernder Seide, die anscheinend bemalt ist, die zurückhaltende zwischen Hellgrün und einem Wolkenrosa changierende Bemalung ist aber farblich so geschickt verteilt, daß er keine Knöpfe, Taschen oder andere Details erkennt, all das macht sich vielmehr erst beim zweiten Hinsehen bemerkbar, als er den Blazer auf seine Einzelteile hin betrachtet."

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