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Ian McEwan : Das ganze Unglück in einem einzigen Gen

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LONDON, Ende März.Selten hält die BBC einen neuen Roman für derart wichtig, daß sein Erscheinen in den Fernsehnachrichten gemeldet wird. Ian McEwans "Saturday", erschienen bei Jonathan Cape, bildet die Ausnahme. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zuallererst ist der Rang zu nennen, den sich McEwan ...

          LONDON, Ende März.

          Selten hält die BBC einen neuen Roman für derart wichtig, daß sein Erscheinen in den Fernsehnachrichten gemeldet wird. Ian McEwans "Saturday", erschienen bei Jonathan Cape, bildet die Ausnahme. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zuallererst ist der Rang zu nennen, den sich McEwan mit Werken wie "Liebeswahn", "Amsterdam" und "Abbitte" erschrieben hat: Er gilt als einer der bedeutendsten lebenden Schriftsteller des englischen Sprachraums. Sein Name taucht auch auf der Liste von achtzehn Autoren auf, darunter Günter Grass, Gabriel García Márquez, Milan Kundera, Saul Bellow und Philip Roth, die für den Man Booker International Prize in Betracht gezogen werden. Die mit 60 000 Pfund dotierte Auszeichnung, die das Lebenswerk eines Schriftstellers würdigt, wird im Juni erstmals vergeben und dann alle zwei Jahre ausgelobt.

          Wie Kazuo Ishiguro, dessen jüngstes Werk "Never Let Me Go" (Faber and Faber) jetzt mit "Saturday" auf der Bestsellerliste konkurriert, gehörte McEwan zu den jungen Autoren, die 1983 von der Zeitschrift "Granta" als Hoffnungsträger des neuen britischen Romans gefeiert wurden. Salman Rushdie, Julian Barnes, William Boyd und Martin Amis waren ebenfalls mit von der Partie. Damals beherrschte noch eine ältere Generation, angeführt von Iris Murdoch, Kingsley Amis, William Golding und Angus Wilson, die Szene, und die Neuankömmlinge waren gleichsam die "Jungtürken", die das literarische Establishment bestürmten. Seither sind zwei weitere Ausgaben von "Granta" mit einer Auswahl der "besten jungen britischen Romanschriftsteller" erschienen, und die Vertreter des Jahrgangs 1983, die nun alle auf die sechzig zugehen, wirken fast schon wie jene Granden, die sie vor zwanzig Jahren herausforderten.

          Das neue Buch eines Vertreters der Granta-Generation von 1983 schlägt unweigerlich Wellen. Bei "Saturday" kamen zum Renommee des Autors zwei weitere Elemente hinzu, die das Interesse schürten. Noch vor der Veröffentlichung kam es zu einem Eklat mit juristischen Folgen. Die Londoner Abendzeitung "Evening Standard" hatte sich über die Sperrfrist hinweggesetzt und zwei Wochen vor dem vereinbarten Termin ein Gespräch mit McEwan veröffentlicht. Damit geriet die generalstabsmäßig geplante Werbeaktion vorzeitig ins Rollen. Andere Zeitungen fühlten sich nicht mehr an die Vereinbarungen gebunden und brachten ihrerseits Hintergrundberichte zu dem Buch. Überall war "Saturday" im Gespräch, doch nirgendwo konnte man es kaufen. Der Verlag Jonathan Cape, der zu Random House und damit zu Bertelsmann gehört, sah sich veranlaßt, den Erscheinungstag um eine Woche vorzuverlegen. Er klagt nun gegen den "Evening Standard" auf Schadenersatz. Sollte die Angelegenheit vor Gericht kommen, wäre es der erste Prozeß dieser Art.

          So aufmerksam die Branche den Fall verfolgt, erklärt dies doch nicht die ungewöhnliche Bedeutung, die dem Erscheinen von "Saturday" in der BBC-Nachrichtenredaktion beigemessen wurde. Dort dürfte die Verbindung des Romans zum Irak-Krieg ausschlaggebend gewesen sein. Denn bei dem Samstag, auf den sich der Titel bezieht, handelt es sich um jenen 15. Februar 2003, als Hunderttausende von Menschen in London gegen den bevorstehenden Irak-Krieg demonstrierten. Das führte zu der Annahme, es handele sich bei "Saturday" um einen brisanten politischen Roman. Da McEwan als Linksliberaler gilt, hat die BBC, deren kritische Einstellung zum Krieg offenkundig war, wohl vermutet, ihr eigenes Weltbild in dem Werk wiederfinden zu können. Doch dafür ist McEwan zu differenziert. Er geht zwar auf das Für und Wider des militärischen Eingriffs ein, doch beschäftigt er sich keineswegs ausschließlich mit dieser Debatte.

          "Saturday" ist die nach der Art von Joyces "Ulysses", Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" oder Saul Bellows "Seize the Day" konzipierte Schilderung eines Tages im Leben eines Londoner Neurochirurgen. Henry Perowne ist achtundvierzig Jahre alt, der glücklich verheiratete Vater einer angehenden Dichterin und eines talentierten Jazzmusikers. Diese Konstellation erlaubt es McEwan, über Ehe und Vaterschaft, über Jazz und Literatur, über Kochen, Gene und die Beschaffenheit des Hirns nachzusinnen - und dies alles im Lichte der Ereignisse vom 11. September 2001, die Harry Perowne stets im Hinterkopf spuken. Wenn das Leben mit seinen kleinen Freuden und Ärgernissen auch so weitergeht wie zuvor, ist es doch überschattet von der nörgelnden Ahnung bevorstehenden Unheils, die McEwans Leser schon aus anderen Romanen kennen.

          "Saturday" ist ein sehr persönliches Buch. Ian McEwan macht kein Geheimnis daraus, daß sein Sittengemälde viel Autobiographisches enthält, von der glänzend beobachteten Begegnung Perownes mit Tony Blair über die gähnende Leere im Kopf der von Altersdemenz befallenen Mutter des Helden bis hin zu der Frage, ob der Irak-Krieg aus humanitären Gründen gerechtfertigt gewesen sein könnte.

          Es mag manche überrascht haben, daß McEwan mit seinen Auffassungen über die Folgen der Terrorangriffe, die er durch seinen Helden zum Ausdruck bringt, keineswegs dem Klischee des pazifistischen "Guardian"-Lesers entspricht. Er bekennt selbst, in der Kriegsfrage gespalten gewesen zu sein. Wie Perowne habe er zwischen Hoffnung und Unbehagen geschwankt. Im Roman spricht Perownes Tochter für die moralisch aufgebrachte Öffentlichkeit. Sie empört sich, daß ihr Vater den Tag mit lauter Banalitäten wie Squash und Kochen verbracht hat, wo doch jeder wisse, wie "barbarisch" das sei, was "die demnächst anrichten werden". Perowne, der durch einen irakischen Patienten angeregt wurde, sich über das Terrorregime Saddam Husseins zu informieren, entgegnet, es sei vielleicht ebenso barbarisch, nichts gegen den Irak zu unternehmen.

          Wiederholt wundert sich Perowne, und mit ihm McEwan, über die Fröhlichkeit, die sich unter den Demonstranten breitmacht, als erzeuge die Zurschaustellung des linksliberalen Gewissens nicht nur Genugtuung, sondern auch ein besonderes Glücksgefühl. Einmal spricht er sogar von der "süßlichen Selbstachtung". Beim Anblick der Menge reflektiert Perowne, wie so oft, über die Zufälligkeit des Lebens: Hätte er den irakischen Patienten nicht gekannt und bewundert, wäre seine Einstellung zum Krieg womöglich weniger ambivalent. Der Chirurg bemerkt, daß die Menschen, die sich zum Marsch versammeln, so gut wie gar nichts über das Regime wissen: "Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen die Massaker im kurdischen Irak oder im schiitischen Süden kaum wahrgenommen, aber nun sorgen sie sich leidenschaftlich um irakische Leben."

          Perowne meint, die Menschen hätten gute Gründe für ihre Ansichten, doch gesteht er den Demonstranten keineswegs "das exklusive Recht auf moralische Urteilsfähigkeit" zu, das diese für sich selbst in Anspruch nehmen. Damit fällt McEwan aus der Reihe vieler zeitgenössischer Schriftsteller, die so gerne glauben, das moralische Recht sei auf ihrer Seite.

          Knapp hinter "Saturday" steht Kazuo Ishiguros neuer Roman "Never Let Me Go" auf der Bestsellerliste, der von der Kritik in ähnlich hohen Tönen gepriesen wird wie McEwans Werk. So verschieden die zwei Bücher sind, haben sie doch ein Motiv gemeinsam. Beide Autoren grübeln darüber nach, inwieweit der Mensch Herr seines Schicksals ist. Als Mediziner betrachtet Perowne die Frage unter genetischem Gesichtspunkt. Das ganze Wesen werde dadurch bestimmt, "welches Spermium auf welches Ei trifft, welche Karten aus den beiden Stapeln ausgesucht werden, wie sie gemischt, ausgeteilt und neu kombiniert werden". Das ganze Unglück eines Mannes, in dem Perowne eine erbliche Krankheit diagnostiziert, ist in einem einzigen Gen enthalten.

          Ishiguro hat eine Metapher für die Ohnmacht der Menschen gefunden. Seine Protagonisten sind, wie sich erst im Verlauf des Buches zeigt, Klone, gezüchtet, um Organe zu spenden. Ihr ganzes, auf etwa drei Jahrzehnte komprimiertes Leben ist von Anfang bis Ende programmiert, und doch denken und fühlen sie wie wir alle. Während McEwan mit dem stillen Glanz seiner Prosa beeindruckt, ist Ishiguros Sprache von raffinierter Schlichtheit. Sie wirkt vor allem durch das Innuendo. Das Ungesagte ist oft beredter als das Geschriebene. Beide Bücher jedoch lassen den Leser, lange nachdem er den Buchdeckel zugeschlagen hat, nicht mehr los.

          GINA THOMAS

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