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Ian McEwan : Das ganze Unglück in einem einzigen Gen

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"Saturday" ist ein sehr persönliches Buch. Ian McEwan macht kein Geheimnis daraus, daß sein Sittengemälde viel Autobiographisches enthält, von der glänzend beobachteten Begegnung Perownes mit Tony Blair über die gähnende Leere im Kopf der von Altersdemenz befallenen Mutter des Helden bis hin zu der Frage, ob der Irak-Krieg aus humanitären Gründen gerechtfertigt gewesen sein könnte.

Es mag manche überrascht haben, daß McEwan mit seinen Auffassungen über die Folgen der Terrorangriffe, die er durch seinen Helden zum Ausdruck bringt, keineswegs dem Klischee des pazifistischen "Guardian"-Lesers entspricht. Er bekennt selbst, in der Kriegsfrage gespalten gewesen zu sein. Wie Perowne habe er zwischen Hoffnung und Unbehagen geschwankt. Im Roman spricht Perownes Tochter für die moralisch aufgebrachte Öffentlichkeit. Sie empört sich, daß ihr Vater den Tag mit lauter Banalitäten wie Squash und Kochen verbracht hat, wo doch jeder wisse, wie "barbarisch" das sei, was "die demnächst anrichten werden". Perowne, der durch einen irakischen Patienten angeregt wurde, sich über das Terrorregime Saddam Husseins zu informieren, entgegnet, es sei vielleicht ebenso barbarisch, nichts gegen den Irak zu unternehmen.

Wiederholt wundert sich Perowne, und mit ihm McEwan, über die Fröhlichkeit, die sich unter den Demonstranten breitmacht, als erzeuge die Zurschaustellung des linksliberalen Gewissens nicht nur Genugtuung, sondern auch ein besonderes Glücksgefühl. Einmal spricht er sogar von der "süßlichen Selbstachtung". Beim Anblick der Menge reflektiert Perowne, wie so oft, über die Zufälligkeit des Lebens: Hätte er den irakischen Patienten nicht gekannt und bewundert, wäre seine Einstellung zum Krieg womöglich weniger ambivalent. Der Chirurg bemerkt, daß die Menschen, die sich zum Marsch versammeln, so gut wie gar nichts über das Regime wissen: "Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen die Massaker im kurdischen Irak oder im schiitischen Süden kaum wahrgenommen, aber nun sorgen sie sich leidenschaftlich um irakische Leben."

Perowne meint, die Menschen hätten gute Gründe für ihre Ansichten, doch gesteht er den Demonstranten keineswegs "das exklusive Recht auf moralische Urteilsfähigkeit" zu, das diese für sich selbst in Anspruch nehmen. Damit fällt McEwan aus der Reihe vieler zeitgenössischer Schriftsteller, die so gerne glauben, das moralische Recht sei auf ihrer Seite.

Knapp hinter "Saturday" steht Kazuo Ishiguros neuer Roman "Never Let Me Go" auf der Bestsellerliste, der von der Kritik in ähnlich hohen Tönen gepriesen wird wie McEwans Werk. So verschieden die zwei Bücher sind, haben sie doch ein Motiv gemeinsam. Beide Autoren grübeln darüber nach, inwieweit der Mensch Herr seines Schicksals ist. Als Mediziner betrachtet Perowne die Frage unter genetischem Gesichtspunkt. Das ganze Wesen werde dadurch bestimmt, "welches Spermium auf welches Ei trifft, welche Karten aus den beiden Stapeln ausgesucht werden, wie sie gemischt, ausgeteilt und neu kombiniert werden". Das ganze Unglück eines Mannes, in dem Perowne eine erbliche Krankheit diagnostiziert, ist in einem einzigen Gen enthalten.

Ishiguro hat eine Metapher für die Ohnmacht der Menschen gefunden. Seine Protagonisten sind, wie sich erst im Verlauf des Buches zeigt, Klone, gezüchtet, um Organe zu spenden. Ihr ganzes, auf etwa drei Jahrzehnte komprimiertes Leben ist von Anfang bis Ende programmiert, und doch denken und fühlen sie wie wir alle. Während McEwan mit dem stillen Glanz seiner Prosa beeindruckt, ist Ishiguros Sprache von raffinierter Schlichtheit. Sie wirkt vor allem durch das Innuendo. Das Ungesagte ist oft beredter als das Geschriebene. Beide Bücher jedoch lassen den Leser, lange nachdem er den Buchdeckel zugeschlagen hat, nicht mehr los.

GINA THOMAS

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