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Rezension: Belletristik : Ein Chamäleon bekennt Farbe

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Zu bunt getrieben: William Boyd reguliert Schäden

          "Armadillo", der jüngste Roman des 1952 in Ghana geborenen und heute in London lebenden Autors William Boyd, war in Großbritannien ein großer Publikumserfolg. Auch die Kritik äußerte sich freundlich bis begeistert. Bis jetzt, so meinte der "Guardian", sei Boyd eher der "invisible man" in der Amis-Barnes-Ishiguro-Rushdie-Generation britischer Romanciers gewesen; mit "Armadillo" könne sich das ändern. Wegen seiner thematischen und stilistischen Wandlungsfähigkeit litt Boyds bisheriges Werk stets ein wenig unter einem Dilemma: Seine Romane, so gut sie waren, hätten fast so gut auch von jemand anderem sein können. Im Falle von "Armadillo" ist das nur insofern anders, als sich diesmal kein Vergleich mit Martin Amis oder Kazuo Ishiguro aufdrängt. Statt dessen möchte man nach der Lektüre glauben, Hanif Kureishi und Emir Kusturica hätten sich zu einem Gemeinschaftsprojekt verabredet, der eine zuständig für den Londoner Vorstadt-Multikulturalismus, der andere für den Balkan in uns allen und besonders in Lorimer Black, dem dreiunddreißigjährigen Schadensregulierer aus Transnistrien. Es gehört offenbar zu William Boyds Talenten, den Leser an Bücher denken zu lassen, die andere nie geschrieben haben.

          Boyd spreizt sich nicht groß mit seiner Autorschaft. Er leistet sich lieber Scherze wie die Monographie über Nat Tate, den großen (und fiktiven) Unbekannten des abstrakten Expressionismus, mit welcher Boyd in amerikanischen Kunstkreisen Verwirrung stiftete. Als Stil- und Stimmenimitator ist Boyd auch in eigener Sache tätig. Er habe sehen wollen, ob er noch einmal etwas so Finster-Komisches zustande brächte wie seine frühen Bücher, gab er als Schreibgrund für den jetzt vorgelegten Roman an. Ist William Boyd ein Chamäleon, oder doch, wie sein Romanheld Lorimer Black, ein Gürteltier?

          "Armadillo" heißt das Gürteltier auf englisch. Das Wort kommt, wie Boyd vorab mitteilt, aus dem Spanischen und ist der Diminutiv von "armado", was bekanntlich "Bewaffneter, Geharnischter" heißt. So gerüstet, treten wir ins Innere des Romans ein und lernen Lorimer Black in dem Augenblick kennen, als er, unterwegs zu einem Geschäftstermin, einen Erhängten auffindet. Als Schadensregulierer ist der Mann zwar beruflich mit einer dicken Haut versehen, aber trotzdem geht Lorimer Black der Anblick des am Wasserrohr Baumelnden seltsam nahe. "Mister Dupree", heißt es, "war der erste Tote in seinem Leben, zugleich der erste Selbstmord und der erste Erhängte; Lorimer fand diese Häufung von Erstmaligkeiten zutiefst beunruhigend." Von diesem Tag an gerät Lorimer Blacks beruflich und erotisch erfolgreiche Existenz ins Trudeln, bis am Ende und nach mancherlei Strapazen derselbe Lorimer Black, dann aber unter seinem wahren Namen, aus der Asche seiner privaten und beruflichen Verhältnisse phönixgleich wieder emporsteigt, neuen und verheißungsvollen Zielen entgegen.

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