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Buchrezension Nobelpreisträger : Llosas grausamer Ziegenbock

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Mario Vargas Llosa legt in „Das Fest des Ziegenbocks“ einen meisterhaften Diktatorenroman vor. Auch wenn die offizielle Zeit der Diktatoren vorbei ist, zerrt Llosa damit Scheindemokratien ins Rampenlicht.

          Mario Vargas Llosa hat sicher schon fast alles getan, was man von einem
          politisch engagierten Intellektuellen aus Lateinamerika erwartet. Er kandidierte
          sogar für die Präsidentschaft seines Geburtslandes Peru, gewann die erste Runde
          und verlor die Stichwahl gegen den Autokraten Fujimori, den loszuwerden sich
          heute, zwölf Jahre später, die meisten auch der Peruaner bemühen, die ihn damals
          gewählt haben. Der Schriftsteller mit spanischem und peruanischem Pass
          veröffentlicht im Madrider „El País“ und in zahlreichen anderen großen Zeitungen
          auf dem europäischen und dem amerikanischen Kontinent alle vierzehn Tage einen
          langen Kommentar zu den Ereignissen oder den großen Debatten der internationalen
          Politik. Mario Vargas Llosa ist ein Autor, der überall Gehör findet, mit seinen
          oft provozierenden Thesen häufig Proteste und Polemiken hervorruft, doch immer
          ernst genommen wird.










          Mario Vargas Llosa kandidierte gegen Fujimori (im Bild) um die peruanische Präsidentschaft und verlor

          Im umfangreichen erzählerischen Werk von Vargas Llosa fehlte bisher noch der
          Diktatorenroman. Eine ganze Reihe von großen Romanen der lateinamerikanischen,
          genauer: der hispanoamerikanischen Literatur hat einen zivilen oder
          militärischen Diktator zum Protagonisten. Sie haben einen existierenden oder
          imaginären Diktator zur zentralen Figur in literarisch bedeutenden Werken wie
          „Der Herr Präsident“, „Ich, der Allmächtige“ oder „Der Herbst des Patriarchen“
          gemacht. Vargas Llosa hatte schon eine Reihe von Romanen mit politischer
          Thematik geschrieben, doch erst jetzt in seinem bisher letzten Roman „La Fiesta
          del Chivo“ (“Das Fest des Ziegenbocks“, Madrid 2000) steht ein Diktator im
          Mittelpunkt des erzählten Geschehens.








          Die Diktatoren sind abhanden gekommen

          Man mag sich fragen: Wollte Vargas Llosa nun auch noch seinen Beitrag zu einer wichtigen Sparte innerhalb der lateinamerikanischen Literatur liefern und warum eigentlich jetzt ein Diktatorenroman, wo es kaum noch Diktatoren in seinem Heimatkontinent gibt? Nun, an Aktualität fehlt es dem Stoff auch heute nicht, auch wenn die gewalttätigen Alleinherrscher, wie sie García Márquez, Miguel Angel Asturias oder Roa Bastos schildern, nicht mehr an der Macht sind. Die Versuchung zu einer autokratischen Machtausübung ist immer noch da - am sichtbarsten in manipulierten populistischen Scheindemokratien, wie derzeit in Peru und Venezuela.

          Vargas Llosa schreibt über einen Diktator, dessen Tod fast vierzig Jahre zurückliegt: über Rafael Leónidas Trujillo, der nach 32 Jahren grausamer und korrupter Alleinherrschaft über die Dominikanische Republik von ehemaligen Mitarbeitern und Untergebenen 1961 umgebracht wurde. Der Tod Trujillos wird häufig bis hin zur katholischen Moraltheologie als Beispiel für die Rechtfertigung des Tyrannenmords herangezogen.

          Nach moralischen Kriterien beurteilt, gehört Trujillo sicher zu den besonders
          verachtungswürdigen Figuren in der Geschichte des letzten Jahrhunderts. Ein
          korrupter Machthaber, der sich und seine Familie immens bereicherte, der nicht
          nur politische Gegner foltern ließ, sondern bei den schlimmsten Folterungen
          selbst gerne zuschaute. Das ganze Land gehörte ihm, über alle Dominikaner konnte
          er frei verfügen. Wer einen Wunsch von ihm ablehnte, wurde den Haifischen zum
          Fraß vorgeworfen. Seine engsten Mitarbeiter mussten dem Diktator ihre noch
          unberührten Töchter zu dessen perversem sexuellem Amüsement ins Haus schicken.






          Doch in dem moralischen Monstrum steckte ein intelligenter Politiker mit großer
          persönlicher Ausstrahlung, ein Mann, der Menschen überzeugte, sie in seinen Bann
          zog, der nicht nur Opportunisten und Feiglinge für sich zu gewinnen wusste. Wenn
          ein Autor sich, wie Vargas Llosa es tut, einen der größten Schurken unserer Zeit
          zum Protagonisten eines Romans auswählt, liegt die Gefahr nahe, einen
          einseitigen und eintönigen Bericht über eine von einem abstoßenden Menschen
          geprägte schlimme Zeit zu schreiben. Dieser Gefahr ist Mario Vargas Llosa
          entgangen.






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