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Rezension: Belletristik : Der Donnerstag fällt diesmal aus

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Mit feinem Pinsel: Kazuo Ishiguros Roman "Die Ungetrösteten" / Von Paul Ingendaay

          Kazuo Ishiguro, der englisch schreibende Schriftsteller japanischer Herkunft, ist der unübertroffene Meister der Höflichkeit. Seine Bücher haben die sanft schimmernde Oberfläche von Porzellanmalerei und sind so makellos formuliert, daß man sie eigentlich nur auf holzfreiem, nichtrecyceltem Papier drucken dürfte, fadengeheftet und in Leinen gebunden. Auch die Figuren hantieren mit Wörtern, als könnten sie ihnen aus der Hand rutschen und auf dem Boden zerspringen. Kein vulgäres Wort entschlüpft ihnen, kein Fluchen, kein Schimpfen. Dabei sind sie sterbensunglücklich und reden unablässig von ihren gescheiterten Hoffnungen.

          Man könnte sagen, Ishiguro sei besonders human, weil er die Form respektiert, in der sich menschliche Verzweiflung äußert. Man könnte aber ebensogut behaupten, er sei kalt bis zur Grausamkeit, weil er das Leid mit dem feinen Pinsel lackiert und mitleidlos in die Vitrine stellt. In jedem Fall reicht schon sein Stil als Grund aus, ihn zu lesen. Isabell Lorenz hat seinen neuen Roman "Die Ungetrösteten" (The Unconsoled) flüssig und sehr zuverlässig übersetzt, mit der kleinen Einschränkung vielleicht, daß man sich im Deutschen noch etwas mehr auf die Zehenspitzen stellen müßte, um das Klassenbewußte, gleichsam mit weißen Handschuhen Geschriebene des Originals zu bewahren.

          Ein weltberühmter englischer Pianist steigt im Hotel einer namenlosen, vielleicht deutschen, vielleicht osteuropäischen Stadt ab, in der er drei Tage später ein Konzert geben soll. Aber mit dem Betreten der Hotelhalle scheint Ryder wie hinter einen Lewis Carrollschen Spiegel geraten zu sein: Nichts an diesem Ort entspricht seinen Erwartungen; wildfremde Menschen bitten ihn um Gefallen, als wäre er ein vertrauter Freund; und eigentlich kann sich Ryder auch nach längerem Nachdenken nicht erinnern, dem Konzert an jenem "Donnerstag abend", auf den seine Gesprächspartner mit wissendem Lächeln anspielen, jemals zugestimmt zu haben.

          Ishiguro-Leser dürfte die Situation nicht überraschen, auch die Komik nicht, die der Autor aus der systematischen Verzögerung wichtiger Informationen zieht; Aufschub, durchkreuzte Erwartungen und wiederholte Vertröstungen bestimmen die Struktur dieses Romans. Kaum hat Ryder sich ein paar Minuten ausgeruht, klingelt das Telefon, und der Hoteldirektor Hoffman bedeutet ihm, er würde ihn gern persönlich willkommen heißen.

          ",Ich freue mich schon darauf, Sie kennenzulernen, Mr. Hoffman. Und ich kann gerne sofort hinunterkommen.'

          ,Nein, nein, bitte keine Umstände meinetwegen. Ich werde einfach hier warten - ich meine, hier in der Halle -, bis es Ihnen beliebt zu kommen. Es hat wirklich keine Eile.'

          Ich dachte einen Augenblick nach. Dann sagte ich: ,Aber Mr. Hoffman, Sie haben doch sicher so viele andere Dinge zu erledigen.'

          ,Ja, stimmt, um diese Zeit ist immer besonders viel zu tun. Aber auf Sie, Mr. Ryder, warte ich gerne hier, egal wie lange es dauert.'

          ,Aber bitte, Mr. Hoffman, Sie sollten Ihre wertvolle Zeit nicht für mich opfern. Ich bin sofort unten bei Ihnen.'

          ,Nein, nein, Mr. Ryder, das ist gar nicht nötig. Es ist mir eine Ehre, hier auf Sie zu warten, ganz bestimmt. Also wie ich schon sagte, bitte keine Umstände meinetwegen. Seien Sie gewiß, ich bleibe hier stehen, bis Sie kommen.'"

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