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Rezension: Belletristik : Im Zeichen der Lupe

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Dem Bösen auf der Spur, der Erinnerung auf den Leim gegangen: Kazuo Ishiguros Roman "Als wir Waisen waren" · Von Hubert Spiegel

          Die Erinnerung, hat der Dichter Jean Paul gesagt, sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könnten. Das klingt tröstlich, enthält aber einen Widerhaken, dessen Schärfe nicht zu unterschätzen ist. Denn wenn das Dichterwort zutrifft, ist dieses Paradies auch der einzige Ort, den wir nicht verlassen können. Wer ganz in seinen Erinnerungen lebt, läuft Gefahr, eine Rolle einzunehmen, die im Paradies laut Hausordnung nicht vorgesehen ist: Er wird zum Strafgefangenen.

          Die Helden des englischen Schriftstellers Kazuo Ishiguro sind fast alle solch seltsame Häftlinge, die unter dem Zwang der Erinnerung stehen: Das ist im Erstling "Damals in Nagasaki" (deutsch 1984) nicht anders als in "Der Maler der fließenden Welt" (deutsch 1988) oder in "Was vom Tage übrigblieb", der 1990 in deutscher Übersetzung erschienenen Geschichte eines englischen Butlers, der sich eingestehen muß, dem falschen Herrn gedient zu haben. Aber erst die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson hat Ishiguro, der 1954 in Japan geboren wurde und als Fünfjähriger nach England kam, einem breiteren Publikum bekannt gemacht.

          Ishiguros Romane sind Wanderungen durch Gedächtnislandschaften, in denen hohe Hecken den Weg versperren und schmale Pfade sich im Nichts verlieren. Auch in seinem jüngsten Roman "Als wir Waisen waren" ist das Paradies der Erinnerung ein ausgesprochen unaufgeräumtes Fleckchen Erde, chaotisch, verwinkelt und unübersichtlich wie die Stadt Schanghai, wo große Teile des Romans spielen und wohin der Ich-Erzähler immer wieder zurückkehrt, zunächst in der Erinnerung und schließlich, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, auch in der Realität.

          Das einzige Hilfsmittel, das Ishiguro seinem seltsamen Helden auf dessen Wanderungen zubilligt, ist kein Kompaß, sondern eine Lupe. Ganz nützlich, wenn der Blick auf ein winziges Detail fällt, aber wohl nicht das Richtige, wenn es darum geht, sich einen Überblick zu verschaffen. Und genau darin liegt das Problem, mit dem Christopher Banks, eigenen Ansichten zufolge berühmter und in den besten Kreisen der Londoner Gesellschaft der dreißiger Jahre hochgeachteter Kriminalist, sein Leben lang zu kämpfen hat. Der einzigartige, höchst mysteriöse und unvergleichlich bedeutsame Fall, auf dessen Lösung er Jahrzehnte der Vorbereitung verwandt hat, betrifft ihn nämlich selbst. Das Rätsel, das es zu lösen gilt, liegt in dem Verschwinden seiner Eltern, die um 1910 im Ausländerviertel von Schanghai lebten und den kleinen Christopher als Waisenkind zurückließen, das nur noch ein Ziel kannte: Detektiv zu werden und das Verbrechen an den eigenen Eltern aufzuklären.

          Die Familie lebte damals im "International Settlement", einem privilegierten Gebiet innerhalb der Stadt, wo Chinas Gesetze keine Gültigkeit besitzen und die britischen Handelshäuser ihre Geschäfte betreiben, unter anderem den Opiumhandel, in den auch die Familie Banks verwickelt ist: der Vater als Mitwisser und Mitläufer bei den Unternehmungen seiner Firma, die Mutter als engagierte Gegnerin, die das Geschäft mit dem Rauschgift bekämpft und die profitträchtige Heuchelei ihrer Landsleute geißelt und bloßstellt. Scheinbar auf seiten der Mutter, in Wirklichkeit jedoch allen Parteien dienend, steht Onkel Philipp, ein Freund der Familie und Christophers heimlicher Held.

          Als zunächst der Vater, wenig später auch die Mutter spurlos verschwunden ist, wird Christopher nach England gebracht: ein Waisenkind, für dessen finanzielles Auskommen offenbar bestens gesorgt ist, obwohl die Eltern nicht vermögend waren, ein Außenseiter, der sich für einen Assimilationskünstler hält, ein verstörtes, in seiner Phantasiewelt lebendes Kind, das glaubt, es könnte seine Umgebung über sein wahres Befinden hinwegtäuschen. Diese Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und dem Bild, das andere von Christopher Banks haben, zieht sich als roter Faden durch den Roman. Immer wieder zeigt Ishiguro, wie Wahrnehmungen und Erinnerungen seines Helden und die seiner Umgebung auseinanderklaffen. Der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Ich-Erzählers wird bereits auf den ersten Seiten geweckt, und als Banks, nach langjähriger Vorbereitung schließlich 1937 nach Schanghai reist, um seine Eltern zu suchen, steht für den Leser längst fest: In diesem Fall ist der Detektiv sich selbst der unzuverlässigste aller Zeugen.

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