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Roman von Antje Rávik Strubel : Der Fall ins Bodenlose

  • -Aktualisiert am

Naht Rettung in Helsinki? Dorthin jedenfalls flieht die Protagonistin in Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“, schwer traumatisiert. Bild: Picture Alliance / Pekka Sakki

Männermacht löst weibliche Ohnmacht aus: Antje Rávik Strubels neuer Roman „Blaue Frau“ erzählt von sexualisierter Gewalt und ihren Folgen – nicht nur als individuelle Leidensgeschichte, sondern als strukturelles gesellschaftliches Problem.

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          Am 18. September 2006 verlässt die einundzwanzigjährige Tschechin Adina mit einer Gürteltasche gesparter Euro, einem 50-Liter-Rucksack und jeder Menge Hoffnung auf Zukunft den Busbahnhof von Liberec. Ihr Bus fährt „in die richtige Richtung“, nach Deutschland, wo mit Angela Merkel zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Regierung steht. Gleichsam aus dem Off schaltet Antje Rávik Strubel einige Sätze aus der Regierungserklärung in die Szene, die Merkel bereits im November 2005 abgegeben hat: „Lassen Sie uns verzichten auf die eingeübten Rituale, auf die reflexhaften Aufschreie, wenn wir etwas verändern wollen. Niemand kann uns daran hindern, neue Wege zu gehen.“

          Adina, der man bereits vor zwanzig Jahren in Rávik Strubels Episodenroman „Unter Schnee“ als „letztem Teenager von Harrachov“, dem kleinen Skiort dreißig Kilometer südöstlich von Bautzen, begegnen konnte, kennt diese Rede nicht. Sie kennt nur Merkels Stimme aus dem Radio. Doch sie, die in Berlin einen Sprachkurs belegen, später studieren will und all das Neue mit der Unerschrockenheit einer Naturforscherin in den Blick nimmt, mutig wie bei ihren halsbrecherischen Tiefschneeabfahrten mit blinkender Stirnlampe daheim im Riesengebirge, würde jeden Satz leidenschaftlich bejahen: eine starke Frau am Anfang des neuen Jahrtausends.

          Keine zwei Jahre später wird sich Adina, schwer traumatisiert, in einem Plattenbau in Helsinki einigeln, nach der brutalen Vergewaltigung durch einen hochrangigen deutschen Kulturmanager und einer atemlosen Flucht, bei der sie drei Grenzen, drei Sprachen hinter sich gelassen hat. „Sie ist in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind und die Menschen eine andere Sprache sprechen, wo das Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat.“

          Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 430 S., geb., 24,– €
          Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 430 S., geb., 24,– € : Bild: S. Fischer

          An ihrem der 2017 verstorbenen Freundin und Mentorin Silvia Bovenschen gewidmeten Roman, der das Psychogramm einer um die eigene Identität ringenden Frau und zugleich ein breit angelegtes europäisches Gesellschafts- panorama zu MeToo-Zeiten ist, hat Antje Rávik Strubel, wie sie im Nachwort festhält, mehr als acht Jahre gearbeitet. Es ist ihr wohl kühnster erzählerischer Wurf, seit sie 2001 in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem Debüt „Offene Blende“ den Ernst-Willner-Preis erhalten hat.

          Adinas Geschichte wird, in jeweils geänderter Tonalität, über vier Romanteile entwickelt, an unterschiedlichen Hauptschauplätzen zwischen Helsinki, Berlin und der östlichen Uckermark sowie mit wechselndem Personal im Vordergrund. Erzählt wird nicht linear, sondern in einem raffinierten Wechsel von Vorausdeutungen und assoziativen Er­innerungssplittern. In der finnischen Hauptstadt, wo der Roman einsetzt, muss der Leser die Protagonistin zunächst ganz nach unten begleiten. Wie in Nebel stochernd, müht sich eine zutiefst verletzte Frau, „die Handgelenke lose, wie aus der Verankerung gerissen“, um Zugriff auf ihr in Scherben liegendes Lebens. Was bleibt, neben Albträumen, Rachephantasien und Viru Valge, dem eiskalten finnischen Seelentröster?

          Ein Geräusch, das vom Tod kam

          Da sind Short Cuts der eher tristen Nachwende-Kindheit eines Mädchens am Fuß des Krkonoše, das zur Samtenen Revolution gerade fünf ist. Nach dem Tod des Partisanen-Großvaters wächst Adina unter Frauen auf und wird nur vom digitalen Lagerfeuer eines Chatrooms gewärmt, in dem sie sich „der letzte Mohikaner“ nennt. Wenn sie den Krieger aus Coopers Klassiker in sich spürt, fühlt sie sich frei und ohne Angst, jenseits jeder geschlechtlichen Determination. Und schließlich ist da noch der estnische EU-Diplomat Leonides Siilmann, der sich in der Hotelbar, in der Adina schwarzarbeitet, in sie verliebt. Die Begegnung mit dem feingeistigen Professor, der statt Virginia Woolf eher Zygmunt Baumann oder Umberto Eco liest und die „Dunkelstellen“ des Stalinismus freilegen möchte, ist für Adina ein Durchatmen, ein Luftholen – mehr nicht.

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