https://www.faz.net/-gr3-121tt

Buchkunst : Fischweiber, die im Heringssud schaufeln

Bilder, die man förmlich riechen kann: Am Anfang von Michael Krügers „Heringe” stand ein Fotofund Bild: Katzengraben-Presse

Kein Wort vom Geruch: Michael Krüger hat zu realen Fotografien die fiktive Geschichte einer Fischkonserven-Dynastie verfasst, und Buchkünstler Christian Ewald hat daraus ein köstliches Fotoalbum gemacht, standesgemäß serviert in einer Pappbüchse.

          2 Min.

          Da haben sich drei gefunden: der Verleger und Dichter Michael Krüger, Christian Ewald, der Bücherbastler der Katzengraben-Presse, und als Dritter im Bunde ein Heringshändler, der vor bald hundert Jahren in Berlin die Fischkonservenfabrik Georg Buchmann betrieben hat.

          Einen frühen Prospekt dieser Firma in der Anmutung eines Fotoalbums hatte Christian Ewald vor langen Jahren in einem leerstehenden Berliner Haus gefunden. Darin fanden sich Bilder von schimmernden Konservenstapeln, von Pferdefuhrwerken und ersten Kraftfahrzeugen mit der Aufschrift „Buchmann's Delikatess Matjes Gabelbissen“, von Fischweibern, die mit langmütiger Miene im Heringssud schaufeln oder an langen Tischen Fische ausnehmen - und von einem Herrn in den besten Jahren, der auf den Fotos meist mittendrin steht, dabei an seinen Untergebenen vorbeischaut und ein wenig an Hindenburg erinnert.

          Mit dem Matjes groß geworden

          Die Firma gibt es längst nicht mehr, von ihr ist wenig mehr geblieben als diese Bilder. Die aber sind es wert, dass ihnen ersatzweise eine zweite Geschichte auf den Leib geschrieben wurde: Der Berliner Kleinverleger konnte den großen Münchner Kollegen dafür gewinnen, ihnen einen fiktiven Rahmen zu geben, er selbst gab dem Buch die unverwechselbare Gestalt als köstliches konservengraues Fotoalbum in japanischer Blockbindung mit Zwischenblättern aus Pergamin, das standesgemäß in einer Pappbüchse mit dem Aufdruck „Heringe“steckt.

          In strahlenden Zeiten: Buchmann-Auslagen

          Michael Krüger wiederum widerstand allen falschen Verlockungen der ebenso attraktiven wie absurden Bilder. Statt den Blick auf die fotografischen Kuriositäten zu lenken, stellt er ihnen eine literarische Kuriosität gegenüber: kein Wort vom Fischgeruch, den selbst die Reproduktionen der jahrzehntealten Fotos noch zu verströmen scheinen, kein Kommentar zum Firmenchef mit seinem heringsfassförmigen Bauch. Stattdessen hat Krüger die Geschichte einer Dynastie mit ihrer Heiratspolitik und deren Ausfällen geschrieben, die Geschichte eines Imperiums, fein eingesponnen in die Zeitläufte, in die technischen Entwicklungen, logistischen Möglichkeiten, in die wachsenden politischen Probleme und wechselnden geschmacklichen Moden, erzählt mit der Selbstverständlichkeit eines Nachfahren, der mit dem Matjes groß geworden ist, ohne dass der je sein Lebensinhalt war.

          Netzwerkzeug aus Bessarabien

          Mit Nachsicht merkt der Ich-Erzähler an, dass die Mutter den Verkauf der Firma im Jahr 2001 nicht verwunden hat, während der Vater auf seine alten Tage die Orte der Außenstellen des einstigen Unternehmens bereist, Sarmatien, Wolhynien, Bessarabien, um dort letzte Fundstücke abzustauben: „Netzwerkzeuge, alte Fischereibücher, Fotos, Dokumente, was ihm in die Hände fällt“.

          Nur 999 Exemplare, wie bei allen Editionen aus der Katzengraben-Presse, gibt es von diesem Gesamtkunstwerk. Von der Handvoll Bücher des Autors Krüger aus dem Jahr 2008 ist es gewiss das schönste.

          Weitere Themen

          Die Verseifung des Politischen

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Die Verseifung des Politischen

          Die Sendung von Sandra Maischberger scheint nun da angekommen, wo die Gastgeberin hin will: auf dem Boulevard, auf dem man den Ball flach halten kann, solange es irgendwie bunt ist und prominente Gäste aus der Patsche helfen.

          Topmeldungen

          Unsere Sprinter-Autorin: Heike Göbel

          F.A.Z.-Sprinter : Rezession, oder nicht?

          Die beunruhigenden Abschwungsignale in der deutschen Wirtschaft mehren sich schon länger. Heute erfahren wir, ob das Land in einer Rezession steckt. Was sonst noch wichtig wird, steht im Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.