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Annette oder Anne Beaumanoir, ca. 1940 Bild: Wikimedia

„Annette, ein Heldinnenepos“ : Das Herz nicht in der Hose

  • -Aktualisiert am

Epos, zerschossen: Anne Weber widmet sich der modernen Heldin Annette Beaumanoir und geht ein Risiko ein. Nicht jede Wendung gelingt. Dennoch hat es der Titel auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

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          Gewitzt ist dieses Buch, nicht nur dort, wo es sein Gewitztsein vorzeigt und ausstellt. Gewitzt ist es schon im Titel, der nicht lautet „Annette – Ein Heldinnenepos“, sondern „Annette, ein Heldinnenepos“. Die in Frankreich lebende deutsche Schriftstellerin besingt das mutige Leben einer fast hundertjährigen Frau nicht in Form eines Epos – Annette ist das Heldinnenepos. Tintenfische kommen übrigens auch darin auch vor. Sie verbergen sich bei Gefahr in einer Wolke des reichlich ausgestoßenen Farbstoffs.

          Annette heißt mit bürgerlichem Namen Annette Beaumanoir und lebt nichts weniger als die Überzeugung, dass die Welt ein gerechterer Ort sein sollte. Schon als Minderjährige kämpft sie in der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Sie rettet Juden vor der Deportation, wird jedoch für diese Eigenmächtigkeit von der KP bestraft und wechselt zur gaullistischen Résistance. Nach dem Krieg heiratet Annette, studiert Medizin und bekommt drei Kinder, bevor sie als „Kofferträgerin“ Geld für den Befreiungskampf der Algerier durch Frankreich transportiert. Sie wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt, kann jedoch nach Nordafrika fliehen, gehört der ersten Regierung des unabhängigen Algeriens an, gerät nach dem Putsch gegen den Präsidenten Ben Bella 1965 abermals in Lebensgefahr und entkommt mit knapper Not. Danach arbeitet sie in einer Genfer Klinik, bis das Gerichtsurteil aufgehoben wird und sie nach Frankreich zurückkehren kann.

          In gleich zwei Befreiungskämpfe rutscht die aus einfachen Verhältnissen stammende Annette hinein aus Menschlichkeit. Die Jahre der bürgerlichen Ehe mit drei Kindern zwischen ihnen erwähnt Anne Weber knapp, die letzten fünfzig Lebensjahre Annettes fasst sie so zusammen: „Da kommt noch einiges / an Weltverbesserungsversuchen, doch ist es / weniger spektakulär . . .“ Weber konzentriert sich auf Episoden aus einem gefährlichen, von Prinzipien der Humanität und Solidarität geleiteten Leben. Die 1,50 Meter große Frau wird beinahe zur Jeanne d’Arc der Zeitgeschichte.

          Weber unterläuft das Epos

          Also doch ein Heldinnenepos? Nein, Weber unterläuft das Epos ebenso wie die Hagiographie und auch die Biographie, zu der ihrem Buch die Vollständigkeit und vor allem das Bemühen um psychologische Nachvollziehbarkeit fehlt. Sie stemmt sich gegen den enormen Sog dieser Lebensunbedingtheitsgeschichte, um nicht mitgerissen zu werden, mit Ironie und Scherzen sowie mit Verweisen auf das Erzählen, auf die Machart. Das Epos, an das vor allem Wortumstellungen und Zeilenbrüche in der nicht erkennbar rhythmisierten Prosa erinnern, wird vielfach zerschossen.

          Anne Weber: „Annette, ein Heldinnenepos“. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 S., geb., 22,– .
          Anne Weber: „Annette, ein Heldinnenepos“. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 S., geb., 22,– . : Bild: Verlag Matthes & Seitz

          Gleich zu Beginn führt Weber dieses erzählerische Verfahren vor: Der erste Satz („Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen“) verweist auf die noms de guerre der Widerstandskämpferin und präsentiert sie zugleich als Exempel. Der zweite („es gibt sie auch woanders als auf / diesen Seiten“) behauptet die Eigenständigkeit der lebenden Person gegenüber der erzählten, und die Letztere kommt dann „auf einem weißen Blatt zur Welt – / in eine undurchdringliche Leere“, die sich „nach und nach mit Formen und Farben / mit Vater Mutter Himmel Wasser Erde füllt“. Annette wird aus dem Nichts geboren wie die Welt im Mythos. Sie ist „die Tochter, die aus Le Guildo, dem Weiler / an der Flussmündung des Arguenon auszog, die / Welt vor allen Übeln zu bewahren und zu heilen“.

          Zwischen Mythisierung und Ironisierung, Verehrung und Distanzierung pendelt Anne Weber hin und her. Leicht fällt es ihr offenbar nicht, denn nicht wenige Wendungen wirken verkrampft: die mündlichen Einsprengsel wie „mans“, „dems“ und „der Schwester ihren Mantel (ja, ja, / schon gut, das stimmt so sprachlich nicht)“. die „Leichtsinnixten“ und der „Gestapist“, die Mahnung der Erzählerin an sich selbst, nicht so schnell vorzugehen, sonst kippe der Spannungsbogen, sowie das Staunen, welche Hauptspeise sie bei der ersten Begegnung mit der leibhaftigen 95 Jahre alten Annette wählt: Tintenfisch! „Ohne sich / was dabei zu denken“! Und schließlich ist da noch die Bemerkung, Annette habe das Herz auf dem rechten Fleck, „also zum Beispiel nicht in der Hose“. Nun ja.

          Anne Weber ist ein hohes Risiko eingegangen. Sie hätte auch nur auf die Autobiographie von Annette Beaumanoir hinweisen können, deren zweiter Band („Wir wollen das Leben ändern“, Verlag Contra-Bass) gerade erschienen ist. Doch die form- und sprachspielerische Autorin, am Ende des Buchs beim gemeinsamen Essen mit Annette sich selbst als „große ernste Deutsche“ beschreibend, war der Französin bei der Vorführung eines Films von Malte Ludin über seine Nazi-Familie („2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“) begegnet und erlebte etwas, „was wohl in anderen Zusammenhängen coup de foudre / oder: vom Liebesblitz getroffen hieße“. „Annette“ erklärt die Liebe zu einer faszinierenden Frau, die offenbar gegen erhebliche Widerstände der Schriftstellerin öffentlich und zum Buch geworden ist. Und es ist nicht zuletzt ein Gegenbuch zu „Ahnen“ (2015), Anne Webers Zeitreise in die familiäre Vergangenheit und die der deutschen Todeslager.

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