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„Die hohen Berge Portugals“ : Schiffbruch mit Schimpanse

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Es geht in Yann Martels Roman um die letzten Dinge, um Spiritualität und Tod – und das zum Glück nicht auf Kosten der Erzählkunst. Bild: Daniel Pilar

Wieviel Humor verträgt Religion? In seinem Roman „Die hohen Berge Portugals“ verhandelt Yann Martel die „letzten Dinge“.

          Tomás ist Museumskurator und ein rückwärtsgewandter Mensch. Das ist wörtlich zu verstehen, denn er hat sich angewöhnt, rückwärts durch Lissabon zu gehen. Damit entspricht er – im Jahr 1904 – keiner fernöstlichen Gesundheitsphilosphie, sondern drückt seinen Protest aus, seine Wut. Das Schicksal, dieser unerbittliche Vorwärtsläufer, hat ihm mit einer heimtückischen Krankheit Kind und Ehefrau genommen, dann auch noch den Vater.

          Wen es derart erwischt, der tut gut daran, wenn er sich in irgendein Projekt retten kann. Tómas läuft nicht nur rückwärts, er unternimmt auch eine Reise durch die Bergprovinzen Portugals, um ein Kreuz zu finden. In seiner Trauer bieten ihm Aufzeichnungen eines Missionspriesters aus dem siebzehnten Jahrhundert Trost, die er zufällig im Museum gefunden hat. Auf der Insel São Tomé im Golf von Guinea arbeitete Pater Ulisses als Sklaventäufer, wurde Zeuge der maßlosen Brutalitäten des Menschenhandels, verlor den Glauben an seinen Auftrag und wurde exkommuniziert. Seine Aufzeichnungen bieten Tomás, der sein eigenes leeres Haus nicht mehr betreten mag, einen Seelenspiegel: die Wunden der Vereinsamung, die Schrecken der Heimatlosigkeit und des allgegenwärtigen Todes.

          Pater Ulisses hat als Essenz seiner Afrika-Erfahrung ein Vermächtnis hinterlassen: ein aus edelsten Hölzern geschnitztes Kruzifix, das jedoch die christliche Lehre auf den Kopf stellen, sie verhöhnen soll. Genau das, was Tomás jetzt braucht. Er hasst Kruzifixe, seit seine Frau mit einem Messingkreuz in der verkrampften Hand starb. Das Kunstwerk soll sich inzwischen in irgendeiner Dorfkirche im hintersten Portugal befinden. Tomás macht sich auf den Weg, ausgerüstet mit einem Verkehrsmittel, wie es die rückständige Region noch nicht gesehen hat: einem teuren Automobil, das ihm sein reicher Onkel zur Verfügung stellt. Ein unwilligerer Fahrer als Tomás ist jedoch kaum denkbar. Eigentlich hasst er diese allerneueste Errungenschaft des technischen Fortschritts, der doch ebenfalls ein unerbittlicher Vorwärtsläufer ist. Auch die Menschen, denen er unterwegs begegnet, sind nur teilweise fasziniert von der prächtigen Maschine. Postkutscher und Hufschmiede ahnen, dass sich mit dem lärmenden Vehikel eine neue Zeit ankündigt, die ihnen keine Vorteile bringt.

          Je mehr Spiritualität, desto weniger Erzählkunst

          Tomás’ bitterernste Mission gerät zur Komödie. Mit der Wartung des Wagens ist er hoffnungslos überfordert. Panne reiht sich an Panne, selbst das Besorgen von Treibstoff (in Apotheken!) erweist sich als ungeahnt schwierig. Dann aber kippt die Geschichte wiederum ins Tragische: Der Mann, der aufgebrochen ist, dem Tod seines Kindes zu entkommen, überfährt zu seinem Horror selbst ein Kind. Schließlich öffnet ihm das Schnitzwerk des Pater Ulisses in der Dorfkirche von Tuizelo die Augen: Der Schmerzensmann am Kreuz ist ein Affe. Auch Gott wurde der Sohn genommen.

          Der Kanadier Yann Martel, 1963 in Spanien geboren, gilt seit dem Weltbestseller „Schiffbruch mit Tiger“ als Autor, der spirituelle und lebensphilosphische Themen mit Erzählkunst verbinden kann. Das ist durchaus bemerkenswert, denn oft gilt: Je mehr Spiritualität, desto weniger Erzählkunst. Vom Esoterikkitsch etwa eines Paulo Coelho ist Martel jedoch weit entfernt. Allein die Grundstruktur seines von Manfred Allié glänzend übersetzten Romans ist so originell wie gelungen: Ein Triptychon, dessen Teile viele subtile Verbindungen aufweisen.

          Seit seinem Weltbestseller „Schiffbruch mit Tiger“ gilt der in Kanada geborene Booker-Prize-Träger Yann Martel als Autor, der spirituelle und lebensphilosophische Themen mit Erzählkunst verbinden kann.

          Der zweite Teil spielt am Silvesterabend 1938, im Büro eines von Überarbeitung und Trauer gezeichneten portugiesischen Pathologen. Er bekommt unverhofften Besuch aus dem Jenseits: Seine kürzlich verstorbene Frau, eine gelehrte Person, hält ihm einen forschen Vortrag über die Parallelen zwischen den Evangelien und den Kriminalromanen Agatha Christies, die er leidenschaftlich gern liest. Hier wie dort gehe es um das Problem des Bösen. Paulus ist der Poirot der Bibel, der Licht in einen spektakulären Todesfall bringt – den des Gekreuzigten. Wer eine Antwort darauf sucht, warum die Menschen fasziniert sind von Krimis, findet hier das plausibelste Argument: „Für uns alle ist das Leben ein Kriminalroman, und wir sind das Opfer.“

          Aufs Tier gekommene Literatur

          In derselben Nacht kommt noch ein zweiter Besuch in den Arbeitsraum des Pathologen: Eine alte Frau aus dem Bergdorf Tuizelo – sie erweist sich als die Mutter des im ersten Teil überfahrenen Kindes – ist mit einem schweren Koffer in die Stadt gereist. Darin: die Leiche ihres geliebten Mannes. Befremdlich genug, aber was der Mediziner dann in einer akribisch beschriebenen Sektion aus dem Leib des alten Mannes herausbefördert, zeigt, dass sich Yann Martel auch auf die Ästhetik des Grotesken und Ekelhaften versteht. Immer wieder spielt er das Geschehen gleitend ins Surreale, Wundersame und Wunderbare hinüber. Dieser zweite Teil des Romans ist ein – im Wortsinn – unter die Haut gehendes Memento mori, eine Klage über die Vergänglichkeit und das Grauen der Verwesung, deren Details so eingehend beschrieben werden, dass auch hartgesottenen Lesern flau wird.

          Die drei Teile des Romans sind verbunden durch Figuren, Schauplätze und Motive wie das tote Kind, das Rückwärtsgehen und den Affen, der im dritten Teil zu einer veritablen Erlösergestalt wird. Der kanadische Politiker Peter Tovy, der am Sinn seiner Arbeit zweifelt und ebenfalls um seine verstorbene Frau trauert, hat 1981 beim Besuch eines Primatenzoos eine Begegnung, die sein Leben ändert. Der tiefe Blick eines Schimpansen rührt an sein Herz; er kauft das Tier und macht sich mit ihm auf den Weg nach Portugal, ins Herkunftsdorf seiner nach Kanada ausgewanderten Eltern. Wieder wird eine Reise mit Erschwernissen und gleichermaßen komischen wie anrührenden Momenten geschildert – was eben so passiert, wenn man mit einem Schimpansen durch die halbe Welt reist. Die letzten hundert Seiten, die das Leben des merkwürdigen Paares in Tuizelo schildern, sind eine beglückende Lektüre. Das ganze Dorf gerät in den Bann des Affen. Die Menschen seien keine „gefallenen Engel“, sondern „emporgestiegene Affen“, lautet ein zentraler Satz des Buches. Eine Kränkung ist das nur für jene, die bis heute Schwierigkeiten mit der Evolutionsbiologie haben, und Tomás versteht im ersten Teil das Affenkruzifix des Pater Ulisses zweifellos als Blasphemie. Im Kontext des dritten Teils aber wird das Tier zum metaphysischen Platzhalter und Retter aus einer persönlichen Welt der Trauer und des Sinnverlusts. Damit bewegt sich Martel in einem der großen Trends der Literatur dieser Jahre, die aufs Tier gekommen ist. Ganz ähnliche Motive findet man etwa – um nur ein einziges Buch unter vielen zu nennen – in Helen Macdonalds faszinierendem Roman eines Trauerjahrs, „H wie Habicht“, in dem sich die raubvogelkundliche Kennerschaft mit dem Anflug von etwas Wunderbarem verbindet.

          Bei Martel zeigen die drei Teile des Romans verschiedene Aggregatzustände des religiösen Verhaltens: vom Hadern bis zur Erfüllung. Immer geht es um Variationen der alten Theodizee-Frage, darum, ob der Glaube Leid und Tod bewältigen hilft oder von ihnen entkräftet wird. Yann Martel doziert und dogmatisiert nicht nach Vorgabe einer Glaubenslehre. Er meidet das Explizite, schlägt die religiösen Töne nicht direkt an, sondern vertraut eher auf die Obertöne seines Erzählens. „Humor und Religion vertragen sich nicht so gut“, weiß die Frau des Pathologen. Wenn das stimmt, hat Martel zu viel Humor, um im strengen Sinn religiös zu sein. Es dürfte derzeit nicht viele Romane geben, die auf so inspirierte, eigenwillige und erzählerisch fesselnde Weise die „letzten Dinge“ verhandeln.

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