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Buchkritik : Wo, bitte, geht's zum Gral?

Bild: Bastei Lübbe

Dan Browns „Sakrileg“ ist eine Droge, die den Herzschlag beschleunigt und den Adrenalinspiegel steigen läßt. Mit Whopper-Plot: Der Thriller flirtet mit dem Untergang des Abendlandes und knackt den Da-Vinci-Code.

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          Da lagen sie und zwinkerten einem zu. Auf einem Tischchen an einem dieser Massenumschlagplätze, die sich Buchhandlungen nennen. Auf jedem Buchcover ein Augenpaar, in dem mühelos der Blick der Mona Lisa erkennbar war, auch ohne das Lächeln. "The Da Vinci Code". Zugreifen, umdrehen, Klappentext lesen: das war eine Bewegung. Ein paar Schlüsselreize: Mord im Louvre, Kryptologie, Rätsel, die ins Werk Leonardo da Vincis führen, ein Geheimbund. Platz eins auf der Bestsellerliste der "New York Times". Sofort gekauft und in zwei Nächten gelesen. Die deutsche Übersetzung wäre achtlos liegengeblieben. "Sakrileg" steht da in blutroten, erhabenen Buchstaben auf graublauem Grund. Mit jeder Seite erscheint einem der Titel dämlicher. Das Buch wird sich dennoch bestens verkaufen, weil man ja beim Lesen den Umschlag nicht anschauen muß.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          "The Da Vinci Code" ist ein Thriller, den selbst amtliche Literaturkritiker verschlingen, die sich hinterher wie bußfertige Sünder aufführen. Ziemlich verklemmt und literaturbetriebsbeflissen sitzen sie dann zu Gericht und exorzieren in den Rezensionen ihr Vergnügen - als seien die Leser zu dumm, um zu merken, daß sich da einer kasteit, weil er seinen Spaß gehabt hat. Moderne Flagellanten, die sich für die Lust am sogenannten Trivialen geißeln. Das Buch hat alles, was ein populärer Thriller braucht. Mord, Verfolgungsjagden, Verschwörungen. Es gibt aparte Zusätze wie den Heiligen Gral, den schon Indiana Jones und sein Vater suchten. Und es ist ein sehr amerikanischer Blick auf die europäische Kunst- und Kirchengeschichte, was man auch daran sieht, daß im Kielwasser des Bestsellers in Amerika bereits zwei Bücher erschienen sind, die "Breaking the Da Vinci Code. Answers to the Questions Everbody's Asking" und "Cracking Da Vinci's Code: You've Read the Fiction, Now Read the Facts" heißen und den Erklärungsbedarf befriedigen, den die Story hinterläßt: Wer war Maria Magdalena? War Jesus mit ihr verheiratet? Was ist der Templerorden? Gibt es den Heiligen Gral; und wenn ja, wo kann man ihn finden?

          Es ist der zweite Roman von Dan Brown, der auf deutsch erscheint. In "Illuminati" lag eine Bombe unterm Vatikan, hier lauert ein symbolischer Sprengsatz, dessen Explosion die Heilige Römische Kirche, wie wir sie kennen, einstürzen ließe. Der Louvredirektor also wird ermordet, er ist zugleich der Großmeister der Sions-Bruderschaft und damit Nachfolger eines Botticelli, Leonardo, Isaac Newton oder Victor Hugo. Ein Albino, der im Dienste von Opus Dei steht, hat ihn umgebracht, um dem Heiligen Gral auf die Spur zu kommen, den der Orden hütet. Noch im Sterben hat sich Jacques Saunière als Code inszeniert: ausgebreitet wie der berühmte Vitruvianische Mensch Leonardos, der es längst zum Posterboy gebracht hat. Robert Langdon, der schon Held von "Illuminati" war und noch immer Professor für Symbologie in Harvard ist, und die Enkelin des Toten, eine Kryptologin, finden zusammen. Die französische Polizei verdächtigt Langdon, die beiden werden gehetzt, und doch bleibt immer genug Zeit, um ausführlich vom Templerorden, dem Konzil von Nicäa und von den unterdrückten heidnischen und matriarchalischen Strömungen im frühen Christentum zu berichten.

          Brown inszeniert das als eine Art intellektuelle Schnitzeljagd. Deshalb ist es auch schwer, von den einzelnen Stationen zu erzählen, ohne zu viel zu verraten. Es werden Anagramme gebildet, komplizierte Codes dechiffriert, Gemälde betrachtet und neu gedeutet. Das Rätsel der Mona Lisa löst sich en passant: Der Name wird als Anagramm aus Amon und L'Isa (Isis) entschlüsselt, und diese androgyne Konstellation ist der Grund für das wissende Lächeln.

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