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Buchkritik : Vor dem Code

Bild: Lübbe

Im „Da-Vinci-Code“ hatte er schon dazugelernt. In Dan Browns Debüt „Diabolus“, bei uns erst nach „Sakrileg“ veröffentlicht, kann man dem Autor beim Versuch zuschauen, sich im Selbststudium die Ingenieurskunst des Thrillers anzueignen.

          Wer nach einer Sucht sucht, die vergleichsweise preiswert ist und weitgehend frei von Risiken und Nebenwirkungen, der ist mit den Büchern von John Grisham, Michael Crichton, Tom Clancy und all den anderen gut bedient. Ein bißchen Schlafentzug, das ist alles, was einem passieren kann, weil man bis tief in die Nacht hinein liest, um zu erfahren, wie es ausgeht. Genau die richtigen Bücher, um sie im Flughafenshop zu kaufen, auf dem Transatlantikflug zu lesen und in Frankfurt für das Reinigungspersonal liegenzulassen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Neuerdings gehört auch Dan Brown zu unseren Dealern, seit dem Megaseller „The Da Vinci-Code“, den man hinter dem deutschen Titel „Sakrileg“ nie vermutet und deshalb wohl auch nie gelesen hätte. Da bekennen auf einmal Literaturkritiker, das Buch verschlungen zu haben, um sich anschließend wie bußfertige Sünder für ihr Vergnügen zu geißeln. Das ist das beste Indiz dafür, daß Dan Brown auf dem Weg zur Weltmarke ist.

          Wie man von Grisham seit Jahren durch das sumpfige Terrain des amerikanischen Rechtssystems geleitet wird und bei Michael Crichton die kleinen Apokalypsen der modernen Naturwissenschaften liebenlernt, so wird vom Label „Dan Brown“ künftig der Thriller mit historischem Laderaum und kleinem Bildungserlebnis erwartet. Und nach „Sakrileg“ und dessen Vorgänger „Illuminati“ soll Brown bereits am dritten Abenteuer mit Robert Langdon arbeiten. Denn das war es, was ihm zuvor gefehlt hatte: ein serientauglicher Held wie der gelehrte Symbolologe mit der detektivischen Ader.

          Der Superrechner zappelt in der Endlosschleife

          Viel weiß man sonst nicht über den vierzigjährigen Dan Brown, der zurückgezogen in Neuengland lebt. Sein Initiationserlebnis soll er vor zehn Jahren im Urlaub auf Tahiti gehabt haben, als er einen Roman von Sidney Sheldon las und feststellte: Das kann ich auch. Der Englischlehrer setzte sich also hin und schrieb „Digital Fortress“. Der Thriller kam 1996 erst als E-Book heraus, was zu seinem Sujet bestens paßte, und 1998 dann auch in die Buchhandlungen. Und sein Autor erklärte, er bewundere John Steinbeck wegen seiner Beschreibungen, Shakespeare wegen seiner Wortgewandtheit und Robert Ludlum wegen seines Handlungsaufbaus.

          Bei uns heißt „Digital Fortress“ nun „Diabolus“, hat einen ähnlich grauenhaften Buchumschlag, wie ihn schon „Sakrileg“ hatte und wie ihn der nächste Brown haben wird, und zeigt deutliche Jahresringe, weil sich das Internet mittlerweile vom konspirativen Medium, in dem sich das Schicksal der Welt verbirgt, zur globalen Shopping Mall entwickelt hat. „Diabolus“ spielt im Innern der National Security Agency (NSA). Sie ist digital hoch gerüstet und kämpft für das Gute. Sie hat bereits zwei fundamentalistische Nuklearanschläge verhindert, was fünf Jahre vor 9/11 unheimlich prophetisch klingt.

          Da sind eine junge Kryptographin und ihr Mentor, der Vizechef der Behörde ist. Da ist ein Programm namens Diabolus, welches ein abtrünniger japanischer Mitarbeiter entwickelt hat, dessen Mutter ein spätes Opfer von Hiroshima war. Der Superrechner zappelt in der Endlosschleife, weil er das Programm nicht dechiffrieren kann. Die Handlung wird aufgefächert zwischen der NSA-Zentrale, Sevilla und ein bißchen Tokio, es gibt verfolgte Verfolger und verzweifelt gesuchte Suchende, eine glückliche und eine unglückliche Liebesbeziehung. Das High-Tech-Szenario ist gut recherchiert und die Komplexität der Vorgänge angemessen reduziert, wenn es etwa heißt, das Verschlüsselungsprogramm sei so geschrieben, als habe man einen Safe konstruiert und die Gebrauchsanleitung in ihn eingeschlossen.

          Man kann Dan Brown beim Selbststudium zuschauen

          Aber ist da nun schon der Dan-Brown-Code am Werk, zumindest eine Ahnung des Phänomens? Kann man diesen Code knacken? Und was hätte man davon? Würde man die Bücher anders lesen oder womöglich gar nicht mehr? Es ist alles viel einfacher. Der Selfmademan Dan Brown hat seit „Diabolus“ dazugelernt und Konstruktionsschwächen abgestellt. Denn es ist doch zu lächerlich, daß zwar jeder Leser das Anagramm erkennt, welches ihm anfänglich mit dem Namen Tankado und der Mailadresse „Ndakota“ serviert wird, die besten Kryptographen der Welt es aber erst jenseits von Seite 300 merken. Und es ist auch gar nicht gut, daß ein Auftragskiller mitten in der Kathedrale von Sevilla auf den einzigen Mann im Khakisakko abdrückt und einem dann wie aus der Pistole geschossen erzählt wird, daß das potentielle Opfer in den Zehntelsekunden, die man zum Seitenumblättern braucht, einem arglosen Kirchgänger dessen schwarzes Sakko abgekauft hat. Das passiert Dan Brown heute nicht mehr.

          In „Diabolus“ schaut man ihm dabei zu, wie er versucht, sich im Selbststudium die Ingenieurskunst des Thrillers anzueignen und aus den Formen des Genres seine Formel zu destillieren, mit der er arbeiten kann. Auch in „Diabolus“ endet schon jedes Kapitel mit einem Cliffhanger, und Suspense wird geschürt, indem die Auflösung des Cliffhangers möglichst weit aufgeschoben wird. Nur das Timing ist noch stark verbesserungsbedürftig. Wofür Brown nichts kann, das ist die Übersetzung. Der Übersetzer sollte ja eigentlich der beste Freund und gelegentlich sogar der Schutzengel des Autors sein, doch dieser wählt mit tödlicher Sicherheit die floskelhafteste Wendung. Es reicht, wahllos irgendeine Stelle im englischen Original aufzuschlagen und zu vergleichen. So schlecht schreibt Dan Brown nun wirklich nicht.

          Allerdings sind seine Beschreibungen bis heute weniger von Steinbeck inspiriert als von der Diktion eines Drehbuchs, das erst zum Leben erwacht, wenn man den einen oder anderen Star vor Augen und einen guten Produktionsdesigner zur Hand hat. Manchmal scheint Brown das selbst zu ahnen, wenn er in einem resümierenden Satz die Atmosphäre direkt zu benennen versucht, welche die vielen beschreibenden Sätze zuvor einfach nicht haben lebendig werden lassen. Aber das macht nichts. Der Thrill ist da. Man liest einfach weiter bis zum Ende, weil man mal wieder wissen möchte, ob die Welt nicht vielleicht doch ein wenig untergeht.

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