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Roman von Thomas Jonigk : Du wirst meiner Liebe nicht entgehen

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Kein Freund und Helfer: Ausgerechnet der Arzt, den das ukrainische Mädchen in Thomas Jonigks Roman aufsucht, entpuppt sich als Vergewaltiger. Bild: dpa

Thomas Jonigk erzählt virtuos eine kaum zumutbare Geschichte: Ein Arzt kann seine erotische Gier nicht stoppen und vergeht sich an seiner Patientin. Der Roman „Liebesgeschichte“ ist der Monolog eines Täters, der keiner sein will.

          Die ganze unerhörte Provokation dieses Buches ist bereits im Titel enthalten. Denn eine „Liebesgeschichte“ ist es gerade nicht, die hier erzählt wird. Sondern eine Geschichte von Gewalt und Obsession. Was vorliegt, ist das Protokoll des Dr. Alexander Wertheimer, eines praktischen Arztes, der sich einer schwerverletzten Patientin auf unsittliche Weise genähert und später offenbar bemächtigt hat.

          Eines Abends erscheint, in Begleitung eines Mannes, ein sehr junges, womöglich gar minderjähriges ukrainisches Mädchen mit Unterleibsblutungen in seiner Münchner Praxis. Wertheimer schickt den Mann weg, diagnostiziert einen Abortus und nimmt eine Kürettage vor: „Marias Körper erzählt von Gewalt und Lebensgefahr. Eine Landkarte von Übergriff und Missbrauch.“ Der Arzt, ein, nach seinem eigenen Urteil, hässlicher, stark übergewichtiger Endvierziger, widmet sich mit Andacht der Betrachtung der betäubten Nackten und leugnet, dass zwischen Schönheit und Begierde eine „zwingende Verbindung“ bestehe: „Schönheit ist. Weiter nichts. So einfach ist das.“ So einfach ist es aber doch nicht, gleich darauf ist von Scham die Rede und von „Selbsthass, weil dieser widerliche und aus allen Nähten platzende Körper sich – hier, vor Maria – ENTGEGEN MEINEM WILLEN selbstbefriedigt und damit die Heiligkeit des Augenblicks auf Biologie bzw. Neurophysiologie reduziert. Auf Mechanik.“

          Virtuoser Monolog im Triebdschungel

          Die explosive Ambivalenz des Textes rührt daher, dass Thomas Jonigk seinen jammervoll-jämmerlichen Helden nicht als Zyniker zeichnet, sondern als klugen, gebildeten, überaus reflektierten Mann, der dem eigenen Triebdschungel dennoch wehrlos ausgeliefert scheint. Seiner psychisch kranken Schwester zuliebe hat Wertheimer mit heißem Bemühen sämtliche feministischen Theoretikerinnen studiert, mit Vorliebe zitiert er aus Ingeborg Bachmanns „Malina“. Gleich im ersten der sechs Protokollabschnitte adressiert der Berichterstatter sein Publikum mit „Ihr hochverehrten Herren Richter, Staatsanwälte, Mädchenhändler und Vergewaltiger, ihr sog. Frauenbeauftragten und Saubermänner.“ Mit seinem Protagonisten hat der Autor den selbstgerechten Guten den Kampf angesagt: Die „Bestie“, davon ist Dr. Wertheimer überzeugt, zeigt sich nicht nur in Maria Melnyks gewalttätigem Zuhälter, sie lauert in jedem Mann, auch im berufsmäßigen Freund und Helfer, im allseits beliebten Arzt. Dieser mag lange mit Blindheit geschlagen gewesen sein, am Ende jedoch macht er sich selbst den Prozess.

          Die Gier nach dem erotischen Bemerktwerden zeigt sich in dem Roman als pathologische Not.

          Thomas Jonigk, in erster Linie als Dramatiker bekannt, hat mit „Liebesgeschichte“ einen virtuosen Monolog geschrieben. Wertheimers Geständnis, von dem lange offenbleibt, ob es eines im juristischen Sinne ist, liest sich als das Psychogramm eines bemitleidenswerten Täters, der keiner sein will. Fast durchwegs im Präsens gehalten, simuliert der Text in seiner Rhetorik das Provisorische einer im emotionalen Ausnahmezustand verfassten Beichte; Emphase und im Selbstgespräch Gedachtes sind durch Blockschrift markiert. Vergangenheit und „ERINNERUNGSZWANG“ scheinen dem Ich-Erzähler mit gutem Grund suspekt, hat er doch – Inzest steht im Raum – offensichtlich seine jüngere Schwester auf dem Gewissen.

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