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Roman „Ein Wintermahl“ : Geschlossene Gesellschaft

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Scheinen kurz vor dem Tiefpunkt in gehobener Stimmung zu sein: Wehrmachtssoldaten 1942 an der russischen Front Bild: Bridgeman Images

Drei Wehrmachtssoldaten wollen der Hölle des Zweiten Weltkriegs entkommen, aber diese ist ein geschlossener Raum: In Hubert Mingarellis Roman „Ein Wintermahl“ bleibt keiner unschuldig.

          3 Min.

          Hubert Mingarelli, der Anfang dieses Jahres im Alter von 64 Jahren gestorben ist, war ein ungemein produktiver Schriftsteller (und Drehbuchautor) und zugleich Meister einer minimalistischen Schreibweise, die nichts Artifizielles hat und gerade in ihrer Knappheit alles Verschwommene meidet und genau den Punkt trifft. Dieser Minimalismus hat es Mingarelli immer wieder erlaubt, ohne Pathos von extremen Situationen oder gar mitten aus der Hölle zu erzählen, wie in seinem nun endlich ins Deutsche übersetzten Roman „Un repas en hiver“, der in Frankreich schon 2012 erschien.

          Man muss sich die Hölle hier als einen Ort der Banalität des Bösen vorstellen, wie Hannah Arendt sie in ihrem Eichmann-Buch beschrieben hat. Lokalisiert ist sie in Polen, zeitlich angesiedelt in einem strengen Winter der Anfangsjahre des Zweiten Weltkriegs. Wie bekannt, begann mit dem Überfall auf Polen der Vernichtungskrieg gegen Juden und Angehörige „minderwertiger Völker“, an dem von Beginn an auch die „anständige“ deutsche Wehrmacht beteiligt war. Mingarellis Roman erzählt von dem Versuch dreier deutscher Soldaten, wenigstens vorübergehend der Hölle zu entkommen, was, wie man ahnt, nicht gelingen kann, weil diese Hölle ein geschlossener Raum wie in Becketts „Endspiel“ ist.

          Drei Soldaten wollen der Hölle entkommen

          Konkret geht es für die drei – einen namenlosen Ich-Erzähler und seine beiden Kameraden Emmerich und Bauer, die offenkundig schon seit einiger Zeit ein eng verbundenes Trio bilden – darum, den Massenerschießungen, mit denen ihre Einheit hauptsächlich betraut ist, zu entkommen und mit der weniger belastenden Aufgabe beauftragt zu werden, Juden „nur“ aufzuspüren und gefangen zu nehmen.

          Diesen Auftrag verschaffen sie sich von ihrem Kommandanten, der im Gegensatz zu ihrem unmittelbaren Vorgesetzten, Leutnant Graaf, als Offizier alter Schule geschildert wird. Noch vor der Morgendämmerung machen sie sich auf den Weg: „Die Straße war härter als Stein. Wir marschierten lange Zeit, ohne Pause, in der Kälte, unter dem gefrorenen Himmel, aber mit einem leichten Glücksgefühl.“

          Als der Tag anbricht, sind sie so weit gegangen, dass „nichts mehr zu hören war, nicht einmal das Echo der ersten Erschießung“. Der Sensibelste von ihnen, Emmerich, dessen ganze Sorge seinem Sohn zu Hause gilt, findet im Wald schließlich einen jungen Juden, der sich in einem Erdloch versteckt gehalten hat. „Wir hatten nicht mehr das Recht, sie gleich dort zu töten, wo wir sie fanden. Es musste wenigstens ein Offizier als Zeuge dabei sein.“

          „Er sprach in der universellen Sprache der Bosheit“

          Außerhalb des Waldes entdecken die drei und ihr Gefangener ein verlassenes Haus, und hier beginnen die Vorbereitungen für das Essen, das dem Roman seinen Titel gibt. Der Kamin muss von einer toten Katze befreit werden, die den Abzug verstopft, es muss, da keine Kohle zu finden ist, ein Großteil des Mobiliars zerkleinert und verfeuert werden, und man macht sich daran, aus den Zutaten, die Bauer aus der Küche der Einheit hat mitgehen lassen, eine Suppe zu kochen. Derweil ist der junge Jude in der Vorratskammer eingesperrt. Es klopft, und ein polnischer Jäger und sein Hund, den der Erzähler vorhin schon draußen gesehen hat, betritt das Haus. Mit Kartoffelschnaps kauft er sich als vierter Esser in die Runde ein.

          Dann kommt der Augenblick, in dem sich die gesamte Konstellation verändert. Der Pole entdeckt durch den halb geöffneten Türspalt des Vorratsraums den Juden. Sein ganzes Verhalten ändert sich. „Er öffnete seinen zahnlosen Mund und schürzte die Lippen zu einem grässlichen Lächeln, wie das Maul eines toten Fisches ... Er sprach in der universellen Sprache der Bosheit und schüttelte den Kopf ebenso boshaft.“

          Hubert Mingarelli: „Ein Wintermahl“. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tannert. Ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2020. 142 S., geb., 18,– €.
          Hubert Mingarelli: „Ein Wintermahl“. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tannert. Ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2020. 142 S., geb., 18,– €. : Bild: Ars Vivendi Verlag

          Die Botschaft ist klar: In diesem Moment siegt der leidenschaftliche Judenhass des Polen über die von drei Soldaten repräsentierte Banalität des Bösen. Spätestens hier, ohne dass Mingarelli seinen Minimalismus verlassen muss, gelingt es ihm, den Leser die Partei der Wehrmachtssoldaten ergreifen, ja, diese vorübergehend unschuldig erscheinen zu lassen.

          Einer alleine kann niemanden erlösen

          Aber in der Hölle gibt es selbstverständlich keine Schuldlosen. Auch der Gedanke Emmerichs, den jungen Juden – etwa so alt wie sein Sohn – laufen zu lassen, um sich, vorausschauend für später, von Schuld zu entlasten, wird verworfen. Einer allein, rechnet man ihm vor, kann niemanden erlösen. Die Hölle ist eine geschlossene Gesellschaft, in der man seinen Platz finden muss. „Wir brachten ihn zur Kompanie, und anderntags ließ man uns bei Tagesanbruch wieder losziehen, vor der ersten Erschießung.“

          Mingarelli, der 2003 für „Quatre soldats“ den renommierten Prix Médicis erhielt, ist kaum ins Deutsche übersetzt, im Gegensatz zum englischsprachigen Markt. Es wäre verdienstvoll, wenn der Verlag ars vivendi weitere Titel dieses zu Lebzeiten viel zu wenig wahrgenommenen Autors, gern wieder in der vortrefflichen Übersetzung Elmar Tannerts, dem deutschen Publikum endlich zugänglich machen könnte.

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