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Waguih Ghalis Werk : Will ich ein Gigolo sein oder ein politischer Anführer?

Der westliche Blick auf Kairo erfolgte 1950 vom Nil aus. So blasiert wäre auch Ram gerne geworden, der Protagonist von Waguih Ghalis Roman. Es kommt anders. Bild: akg-images

Ein halbes Jahrhundert nach der englischen Erstveröffentlichung erscheint Waguih Ghalis „Snooker in Kairo“, einer der größten ägyptischen Romane, endlich auf Deutsch.

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          Es gibt Dinge, die Ram mag, und Dinge, die er nicht mag. Was Ram mag: das Groppi’s natürlich – es gibt keinen schöneren Ort in Kairo, um Whisky zu trinken, nach Möglichkeit mit Soda und Eis; aber auch Bier ist in Ordnung. Snooker spielen mit Doromian und Varenian, den beiden ständig streitenden (und schummelnden) Armeniern. Rauchen, auch wenn das Ram hin und wieder depressiv macht. Die Hand so in die Hosentasche stecken, dass ein Stück der Manschette zu sehen ist, wenn er im „Club“ ist. Seine Mutter piesacken. Und manchmal mag Ram es auch, allein im Ägyptischen Museum zu sein und die Objekte zu berühren.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Was Ram nicht mag: Ägypter, die das „Time Magazine“ lesen – in seinen Augen gilt nur englische Bildung etwas. Demzufolge hasst er auch seinen zwanghaft lockeren Cousin Mounir, der in Amerika studiert hat und ständig Dinge wie „o Mann“ oder „hey“ sagt. Auch zum Arbeiten oder dazu, über seine Zukunft nachzudenken, hat Ram ein problematisches Verhältnis. Generell bereitet es ihm Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen, rastlos pilgert der junge Ägypter von einem Drink zum nächsten, amüsiert respektive quält seine Umgebung mit Unverschämtheiten und lebt dabei (nur für den Leser sichtbar) seinen Hass auf die ägyptische Oberschicht aus – der natürlich ebenso sehr Selbsthass ist, denn diese Schicht schließt ihn doch mit ein, auch wenn er einem verarmten Familienzweig entstammt und sich von zahlreichen betuchten Freunden und Verwandten aushalten lassen muss. Gerne wäre Ram jedoch einer aus dem Volk. Aber er weiß, dass dieser Gedanke anmaßend ist. „In allem, was ich tue, liegt ein Hauch von Anmaßung“, sagt Ram. Und das stimmt.

          Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Treue

          Und dann gibt es noch ein paar Dinge – oder genauer: Personen –, zu denen Rams Verhältnis ganz und gar unklar ist. Da ist zum einen Edna, die schöne Jüdin. Und da ist sein Freund Font. Mit beiden verbindet ihn eine komplizierte Geschichte, die mit der gemeinsam verbrachten Zeit in London zu tun hat. Es geht dabei um Liebe, um Freundschaft, Vertrauen und um Treue – zu sich selbst vor allem. Also um die großen Fragen des Lebens.

          Das ist die Konstellation, auf der Waguih Ghali seinen Roman „Beer in the Snooker Club“ aufgebaut hat, der 1964 in England erschien. Und man kann es kaum fassen, dass er erst heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, auf Deutsch erscheint (wobei das Bier im Titel merkwürdigerweise weggefallen ist, was sicherlich nicht die Zustimmung des Protagonisten gefunden hätte). So gut ist dieses Buch, so überbordend komisch, so schmerzhaft tragisch, so treffend in seinen Beschreibungen sowohl der Kairoer feinen Gesellschaft kurz nach der Revolution von 1952 als auch des Verhältnisses Ägyptens zu seiner ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien.

          Waguih Ghali: „Snooker in Kairo“. Roman. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Mit einer Einführung von Diana Athill. Verlag C. H. Beck, München 2018. 255 S., geb.,, 22 Euro.

          Man täte Ghali freilich unrecht, betrachtete man seinen Roman lediglich als Steinbruch für die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der frühen Nasser-Zeit, wie es mitunter geschieht mit arabischer Literatur, die dann ausschließlich auf ihr Erklärungspotential für Phänomene wie den arabischen Nationalismus, den Islamismus oder die Arabellion abgeklopft wird. Das wäre zwar auch hier ohne weiteres möglich. Die repressive Natur des Militärregimes wird kurz, aber bestechend klarsichtig beschrieben, man kann en passant so einiges über den Habitus und die Bildungsideale der ägyptischen Oberschicht jener Zeit lernen, und der in England spielende Teil bietet eine hübsche kleine Skizze der politischen Linken. Die Zeit, in der die Geschichte spielt – zwischen der Revolution von 1952 und der Suez-Krise von 1956, die Londons Machtansprüche in Ägypten endgültig begrub –, war die einschneidendste Phase in der Geschichte des Landes im zwanzigsten Jahrhundert.

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