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Waguih Ghalis Werk : Will ich ein Gigolo sein oder ein politischer Anführer?

Zugleich lässt „Snooker in Kairo“ all das hinter sich. Die Handlung ist durchtränkt von Politik, weil die beiden jungen Studenten Ram und Font, angeleitet von der wenige Jahre älteren kommunistisch gesinnten Edna, einen nahezu unstillbaren Bildungs- und Welthunger entwickeln, so dass sie sich, wiederum mit Ednas Hilfe und Geld, irgendwann nach London absetzen. „Ich wollte leben“, beschreibt der Ich-Erzähler Ram seine Gefühlswelt, bevor sie die Reise antreten. „Ich wollte mich in Affären mit Komtessen stürzen und mich in eine Bardame verlieben, wollte ein Gigolo sein und ein politischer Anführer, wollte in der Spielbank Monte Carlo gewinnen und abgerissen durch London ziehen, wollte ein Künstler sein, wollte elegant sein, aber auch in Lumpen stecken.“ Dieser Ram ist offenkundig meilenweit entfernt von dem ebenso intelligenten wie arroganten Nichtsnutz, der fünf Jahre später das Geld seiner Freunde vertrinkt und verspielt. Und doch ist es dieselbe Person. Ram selbst beschreibt es an einer Stelle so, dass er sich in der Zeit in London „in zwei aufspaltete, in einen, der sich an allem beteiligt, und einen, der beobachtet und ein Urteil fällt“.

Schrittweise Enthüllung

Was genau in London geschieht, wird geschickt nur schrittweise enthüllt, manches – ganze Nebenstränge an Dramen – gar nur angedeutet. Ram und Edna sind lose ein Paar, aber er ist überzeugt davon, dass sie ihn nicht liebt. „Meinetwegen können andere gern so tun, als würde aus Liebe immer Liebe erwachsen, nur dass das nicht stimmt. Liebe keimt am besten in Gleichgültigkeit“, sagt Ram rückblickend. Es ist offensichtlich, welches Verhängnis hier seinen Lauf nimmt. Und es führt zum Kernthema des Buches: ungleiche Machtverhältnisse. Ram fühlt sich der reichen, schönen Edna unterlegen, so wie er sich selbst unter seinen englischen Freunden als „ein Fremder in ihrer Mitte“ fühlt – welche Ironie, da er und seinesgleichen in den Augen weniger begüterter Ägypter doch „dermaßen englisch sind, dass einem speiübel wird“, wie Font es einmal ausdrückt.

Ram macht einen Prozess der kulturellen und persönlichen Selbstentfremdung durch, in dessen Verlauf er immer unberechenbarer wird. In Tagträumen imaginiert er, vor einem Pub eine brillante Rede zu halten, in der er den Briten all das Unrecht und die Grausamkeiten vorhält, die sie über die Welt gebracht haben, und danach „war es mucksmäuschenstill, und dann brach tobender Applaus aus, so manche Träne wurde verdrückt, und alle Frauen bettelten mich an, meine Geliebte sein zu dürfen“. Er will die Beherrschung verlieren und „irgendwas enthüllen“ – das Ergebnis wirkt wie ein Sprengsatz im sozialen Gefüge seiner alten und neuen Bekannten.

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Es fällt schwer, nicht versucht zu sein, zumindest Teile dieses Prozesses auf den Autor zu beziehen. Waguih Ghali stammte – wie Ram im Buch – aus einer verarmten Familie koptischer Christen. Um politischer Verfolgung zu entgehen, emigrierte er Mitte der fünfziger Jahre nach Europa, wo er unter anderem in Paris und London und eine Weile im nordrhein-westfälischen Rheydt lebte. In seinen 2016 erschienenen Tagebüchern beschreibt er, wie er in dieser Zeit immer wieder mit Depressionen und seinem Alkoholkonsum zu kämpfen hatte.

Am 5. Januar 1969 starb Ghali in London an einer Überdosis Schlaftabletten. „Snooker in Kairo“ blieb sein einziger Roman – ein Meisterwerk, das schon zur Zeit der Veröffentlichung weithin Beachtung fand. Der Protagonist des Buches nimmt darin einen anderen Weg als sein Autor. „Ich bin verlogen, aber aufrichtig“, sagt Ram bei seiner letzten Begegnung mit Edna in Kairo. Genau so endet er dann auch.

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