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Bruce Bégout: Der ParK : Eine neue Geographie des Albtraums

  • -Aktualisiert am

Bild: Diaphanes Verlag

Der französische Schriftsteller und Philosoph Bruce Bégout erzählt in seinem provokativen Kurzroman „Der ParK“, wie die Perversion zum Freizeitvergnügen wird.

          Was für eine Wohltat ist dieses Buch: keine über mehrere Generationen hinweg geschilderte Familienchronik, keine wohlfeile Abrechnung mit den Regimes von anno dazumal, sondern ein Kurzroman ohne Handlung, ein scharfsinniges Gedankenspiel, das hinsichtlich der demonstrativen Zuspitzung seinesgleichen sucht. Die Rede ist von Bruce Bégouts „Der ParK“, dem fiktiven Bericht eines „Geschichtsschreibers des Aktuellen“, der das zweifelhafte Glück hat, die titelgebende Monstrosität gleich zweimal besuchen zu dürfen.

          Dieses Privileg bleibt wenigen vorbehalten, kostet doch allein das Eintrittsticket 15 000 Dollar. Nur einhundert zahlungskräftigen Gästen wird pro Tag der Zutritt gewährt, doch was sie in der auf einer Privatinsel vor Borneo gelegenen Anlage sehen und erleben, scheint auf perverse Weise sein Geld wert zu sein. Denn der ParK - die auffällige Majuskel am Ende des Namens dient als Ausweis seiner Einzigartigkeit - vereint in sich alle denkbaren Formen von Parks. Dazu gehören auch sämtliche positiven wie negativen Arten der Einhegung, die der im Pluralis Majestatis voranschreitende Berichterstatter als praktische Lösung für die Furcht des Menschen vor dem Unbegrenzten definiert.

          Ein gerissenes Protokoll futuristischer Barbarei

          Der ParK ist eine Ansammlung unerhörter bis geschmackloser Vergleiche und surrealistischer Collagen, eine sich im stetigen Wandel befindende Kombination aus Wildgehege und Erlebnispark, Konzentrationslager und Technologiezentrum, Jahrmarkt und Flüchtlingslager, Friedhof, Kindergarten und Gefängnis - eine Schreckensgalerie im Geiste J. G. Ballards, halb Disneyland, halb Treblinka, kurz gesagt: „die Weltausstellung der Übel unserer Zivilisation, die gerade dadurch abgewendet werden, dass sie öffentlich ausgestellt werden. Fragt sich nur, bis wann.“ Selbst der Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, wünscht man hier ein baldiges Ableben, stellt sie doch im Lebenswerk des klaustrophilen ParK-Architekten Licht das entsetzlichste und zerstörerischste aller Übel dar, die der Büchse der Pandora entsteigen. Den Wahnsinn bezeichnet Licht folgerichtig als den einzigen Weg zur Erlösung.

          Bruce Bégout, Jahrgang 1967, lässt in seinem Roman die Genres und Disziplinen so unmerklich ineinander übergehen, wie im ParK die Grenzen zwischen Wunder- und Folterkammer, zwischen Faszination und Aversion verschwimmen. Der Gegensatz von Täuschung und Enttäuschung, von Dystopie und Utopie - das Wunschbild der Science-Fiction kommt nicht erst seit Michel Houellebecq stets als Insellösung daher - löst sich im pseudobürokratischen Tonfall des Erzählers auf, der ständig darum bemüht ist, sich die bösen Gerüchte, die sich um dieses skrupellose Experiment mit futuristischen Unterhaltungsformen ranken, vom Leibe zu halten. Er ist ein ebenso gewissenhafter wie gerissener Protokollant des Barbarischen und Ungeheuerlichen, das es seiner Meinung nach qua Erzählung auszukosten gilt; einen Teil seiner Informationen stiehlt er immerhin aus dem Papierkorb.

          Abgründige, ketzerische Herausforderungen des Denkens

          Während der ParK, der von einer wahnwitzigen Neuro-Architektur geprägt wird, eine „neue Geographie des Traums“ anstrebt, greift Bégout auf handfeste Theorien der Soziologie und der Urbanistik zurück, auf die Philosophiegeschichte gleichermaßen wie auf die Mythologie oder Phänomene der Alltagskultur. So treibt der französische Schriftsteller und Philosoph, von dem auf Deutsch bislang nur der Essay „Zeropolis. Las Vegas als Sinnbild des amerikanischen Traums“ erhältlich ist, in seiner literarischen Phantasmagorie die perfiden Prinzipien von Überwachen und Strafen ebenso auf die Spitze wie den Überdruss einer Gesellschaft des Spektakels, die sich an den Lustbarkeiten konventioneller Touristenfallen längst sattgesehen hat. Literarisch wiederum, bis hin zur eingenommenen Erzählperspektive, mag Bégout sich die schillernden Kurzgeschichten von Steven Millhauser zum Vorbild genommen haben, vor allem „Das Barnum-Museum“ aus dem Band „Ein Protest gegen die Sonne“. In dieser Short Story geht es um ein Museum, dem unablässig neue Räume hinzugefügt werden, während alte verschwinden oder umgebaut werden. Und auch hier üben die misstrauisch beäugten, unzähligen Attraktionen einen unwiderstehlichen Reiz auf die Besucher aus, denen eine Offenbarung verheißen wird, die niemals kommen mag.

          Bégout jedoch geht mit „Der ParK“ einen Schritt weiter, sehenden Auges dem Abgrund entgegen. Der vollkaskoversicherten Vergnügungssucht unserer Tage stellt er sarkastisch „die Wiederentdeckung des abenteuerlichen Reisens“ entgegen, das keine Vorsichtsmaßnahmen kenne. Sie geht einher mit einer grundlegenden Geschichtsskepsis, die mit dem wohligen Grusel der Gegenwart die ketzerische Behauptung aufstellt, der Verweis auf die historischen Albträume der Vergangenheit verstelle den Blick auf die zeitgenössischen Formen der Gewalt. Alles Mahnen und Gedenken war umsonst? Das ist natürlich ein starkes Stück.

          Doch gerade wegen solcher gedanklicher Herausforderungen lohnt es sich, dieses schmale Büchlein zu lesen. Es steckt voller provokanter Thesen, waghalsiger Prognosen und hinterlistiger Schlussfolgerungen. Wer sich fragt, welchen Zukunftsentwurf der Spätkapitalismus mangels eines neuen Feindbildes noch zu bieten hat, welchem Ideal des exklusiven und bedrückenden Freizeitvergnügens er entgegenstrebt, der wird in „Der ParK“ einige aufschlussreiche Antworten finden. Sie werden niemandem gefallen.

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