https://www.faz.net/-gr3-pnz7

Brigitte Oleschinski: Geisterströmung : Überland nimmt überhand

  • Aktualisiert am

Brigitte Oleschinski gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. Die promovierte Zeithistorikerin hat in den Neunzigern durch ihre beiden Gedichtbände "Mental Heat Control" und "Your Passport is not guilty" auf sich aufmerksam gemacht. In den letzten Jahren hat sie dann ihre eigene Schreibpraxis ...

          Brigitte Oleschinski gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. Die promovierte Zeithistorikerin hat in den Neunzigern durch ihre beiden Gedichtbände "Mental Heat Control" und "Your Passport is not guilty" auf sich aufmerksam gemacht. In den letzten Jahren hat sie dann ihre eigene Schreibpraxis verstärkt reflektiert, eine Tendenz, die in der Komplementärstruktur ihrer beiden jüngsten Veröffentlichungen einen vorläufigen Höhepunkt findet.

          Der Essay "Argo Cargo" ist das Dokument eines tiefgreifenden Wandels in ihrer Poetik unter dem Einfluß mehrerer Reisen nach Bulgarien und Indonesien, und die Gedichtsammlung "Geisterströmung" ist dessen Ergebnis. Vor allem in Südostasien erfuhr sie, bedingt durch die Sprachbarrieren zwischen ihr und dem Publikum, ihre eigene Dichtung in nie gekanntem Ausmaß als stimmlich-lautliches Ereignis. Man versteht, welche Bedeutung dies für sie gehabt haben muß, wenn sie gesteht: "Ursprünglich habe ich mir nicht einmal vorstellen können, daß Gedichte überhaupt gesprochen werden." Alle klanglichen Vorstellungen richteten sich für Oleschinski an einer inneren Stimme aus, und diese "war nicht verknüpft mit einer realen Stimme, es war ein Klang, der ausschließlich aus den geschriebenen Zeilen entstand".

          Ging es ihr 2002 in ihrem Poetik-Projekt "Reizstrom in Aspik" noch darum, "Wie Gedichte denken", möchte die CD, die sie mit Hilfe von Künstlern aus Bulgarien und Indonesien produziert hat, zeigen, "Wie Gedichte singen". Die CD ist, neben den vielen inhaltlichen Bezugspunkten, ganz konkret das verbindende Element beider Bücher, da sie beiden beigefügt wurde. Schon das zeigt, daß sie nicht einfach nur ein weiteres Gimmick aus der Vorstellungswelt der Marketingstrategen ist, die meinen, ein einfacher Gedichtband könne heute keine Käufer mehr locken. Sie ist einerseits Ausdruck eines veränderten Verständnisses von Dichtung und andererseits eine Rezeptionsanweisung. Damit ist sie in gewisser Weise allerdings auch das Eingeständnis einer Niederlage, zumindest was den gedruckten Text angeht.

          Auf der Buchseite hat Oleschinski kein Gestaltungsmittel mehr, außer der graphischen Anordnung der Wörter auf der Seite. Nachdem alle Regeln der Lyriktradition von ihr außer Kraft gesetzt werden, sind auch die Mittel der Leserlenkung eingeschränkt. Wo andere Dichter ihre Leser noch mit Metrum, Versform und Reim dazu zwingen konnten, den Text mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Betonungen zu lesen, bedarf es mittlerweile der Regieanweisung des Layouts beziehungsweise der konkret performativen Realisierung des Textes durch die Autorin. Wer wissen will, wie Gedichte singen, kann auf den gedruckten Text allein nicht mehr vertrauen, der muß ihn ergänzen durch die dichtgewebte Klangcollage aus osteuropäischen Gesangstimmen und südostasiatischen Musikfragmenten, über denen die Dichterinnenstimme manchmal dominant schwebt und in denen sie manchmal verhallend untergeht.

          Wieviel ist davon technischer Aufwand und wieviel sprachliches Potential? Auf jeden Fall ist "Geisterströmung" vor allem ein Strom der Sprache. Brigitte Oleschinski hat sich von allen Begrenzungsvorgaben gelöst, es gibt keine voneinander abgegrenzten Gedichte mehr, sondern einen Teppich mehr oder weniger lose miteinander verwobener Fragmente, Fetzen fast, manchmal nicht mehr als sieben Wörter auf einer Seite. Selbst auf der syntaktischen Ebene lassen sich kaum noch Grenzen ausmachen, fast alle Einzelfragmente bestehen nur noch aus unvollständigen Sätzen, die teils unvollendet bleiben, teils ihren Anfang ungehört lassen.

          Weitere Themen

          Kein Weg führt nach Utopia

          Ágnes Heller über Freiheit : Kein Weg führt nach Utopia

          Freiheit ist das Signum der Moderne. Aber auf den faktischen Gebrauch dieser Möglichkeit der Wahl kommt es an für das soziale und politische Leben heute: Diese Rede schrieb die ungarische Philosophin Ágnes Heller kurz vor ihrem Tod.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.