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Brigitte Kronauer: Teufelsbrück : Und schaurig flötet das fedrige Waldliebelein

  • -Aktualisiert am

Bild: Klett-Cotta

Brigitte Kronauers großes Romanmärchen: In „Teufelsbrück“ färbt nicht jede Liebe die Welt mit einem Zauberstab himmelblau ein. Nein, der Roman stürzt seine Ich-Erzählerin mit Haut und Haar in eine fremde Welt, in der Gedichtzeilen wie hungrige Fußangeln ausgelegt sind.

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          Das Anziehende an Einkaufszentren scheint zu sein, daß sie neben Waren auch mit Schicksalen angefüllt sind: Wolfgang Hilbig eröffnete hier sein letztes Buch mit einem Faustkampf, in dem der Trunkenheld sich den Zudringlichkeiten einer Schaufensterpuppe erwehren muß. Und auch Brigitte Kronauers Roman „Teufelsbrück“ beginnt in einem solchen ausweglosen Konsumwald, irgendwo zwischen Halogensonnen und Marmorpfaden. Er braucht diesen parfümierten, wärmegleichen Ort zum Beweis, daß seine fünfhundert Seiten tatsächlich in unserer Welt spielen. Sicher ist es nicht. Und es bleibt die einzige wirklich schreiende Profanität, die sich dieser ansonsten verführerisch tirilierende Roman erlaubt.

          Im Hamburger Elbeeinkaufszentrum geht Maria Fraulob geb. Scholvin zu Boden, ein harmloser Sturz, der zum unumkehrbaren Fall wird. Denn ein „Ganovengesicht“ hilft ihr auf, eine „verfluchte Mittelamerikavisage“, hinter der sich - das entdeckt ihr erster Blick - ein Prinz verborgen hat. Und damit ist es um Maria, die verwitwete Schmuckkünstlerin, auch schon geschehen: Hinabgefallen ist sie in eine Vorzeit, wo das Wünschen noch half und zum Liebesglühen ein zündender Blick genügte. Kopfüber ist sie ins Märchen hinabgetaucht, kopflos den Gedanken verlierend, daß neben unverheirateten Thronfolgern auch böse Wölfe, Hexen und menschenfressende Riesen zu diesem verlorenen Biotop aus Kindertagen gehören könnten.

          Im „Ahnen eines Waldluftwerbens“

          „Teufelsbrück“ ist ein vertracktes Märchen - märchenhaft aber nicht in dem Sinne, daß jede Liebe die Welt mit einem Zauberstab himmelblau einfärbt. Diese Verzauberung wäre ein Ramschartikel, wie er vom Kitsch neonbunter in den Markt geschrieen wird. Nein, der Roman stürzt seine Ich-Erzählerin mit Haut und Haar, auf Gedeih und Verderb in eine fremde Welt hinein, in der Märchenmotive und Gedichtzeilen wie hungrige Fußangeln ausgelegt sind. Vor allem die späte Heidelberger Romantik ist es, deren verdrehte Zitate sich in das Einkaufszentrum eingeschlichen haben und wie Hecktaler immer wieder zur Erzählerin zurückkehren. „Waldestraurigkeit“ hatte das Herz dieser vogelgleichen Maria eben noch zum Zerspringen bringen wollen, jetzt tanzt es vor „Luftliebeln“, im „Ahnen eines Waldluftwerbens“.

          Brigitte Kronauer
          Brigitte Kronauer : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Das sind keine wachträumenden Kinderallüren, keine ungefähren Anklänge an Großmutterrede, kein Jagen nach verlorener Stimmung. Diese Maria Fraulob hat Aufenthalt im Märchenland genommen: Aus ihrem Mund sprudelt ein Wortbach, der an Brentanos klappernder Mühle und dem Singsang all seiner Weberinnen schon einmal vorbeigeflossen ist. Kronauer erneuert meisterhaft den Ringelreihen der Vokale, die betörenden Lieder der Betörten. Die Brüder Grimmsche Figurenwelt mit ihrem kargen Berichtston von Fressen und Gefressenwerden hat sich hier mit der lyrischen Ausgelassenheit der Spätromantik zusammengetan, um noch einmal eine kopfverrückende Welt aus Buchstaben hervorzubringen. Kronauer erteilt einer Erzählerin das Wort, die aus dem vergifteten Becher getrunken hat und jetzt nur Reim und Vers denken kann. „Liebesklammer, Leibeskammer, Liderschlummer“: Unaufhaltsam kreuchen und fleuchen die Buchstaben durchs Wort, bis sie die Welt verwirrt haben.

          „Teufelsbrück“ ist ein Kunstmärchen, ein grandioses Mischwesen aus federleichtem Spiel und unerbittlichem Schicksal. Zur Kleinbürgerwelt der älteren Hausmärchen gehört das überschaubare Figureninventar, das auch diesem Roman genügt. Zara Johanna Zoern ist die unheimliche Frau, unbestimmbar in ihrem Alter, unbegreiflich in ihren Absichten. Vor ihr geht Maria im Einkaufszentrum in die Knie, bis Leo Ribbat ihr fürs erste wieder auf die Beine hilft. Er ist Zaras Begleiter, offensichtlich ihr jüngerer Liebhaber, augenscheinlich auch der Makler undurchschaubarer Immobiliengeschäfte. Beide wohnen im Alten Land, in einem verwunschenen Haus jenseits der Elbe. Nur mit dem Schiff darf Maria von der Anlegestelle Teufelsbrück zu ihnen kommen, so lautet die Bedingung. An dieses Dreieck aus rivalisierenden, so ungleichen Geliebten und dem trägen Prinzen bauen sich noch zwei Nebenfiguren an: Marias unerhörter Liebhaber Wolf Specht, ein Küster mit dem Drang eines apokalyptischen Wanderpredigers, und Zaras Angestellte Sophie Korf, eine schwarzgekleidete Proserpina, deren großer Busen kaum der eingelagerten Gefühle Herr wird.

          Ein Ding zwischen Konsumware und Tick

          Diese fünf schließen sich zusammen, wechseln die Liebschaften und wissen doch nicht, wie ihnen unter Zaras heimlicher Führung geschieht. Voneinander lassen können sie nicht: Eingebildetes Liebessehnen hat ihnen Köder ausgelegt, unerfüllte Wünsche, denen sie hartnäckig hinterherjagen. Maria teilt mit dem untreuen Liebhaber Leo einige Liebesnächte, das Glück scheint da. Doch das Märchen ist nicht die Gattung mit dem unvermeidlich glücklichen Ende, es ist keine Komödie, wo in der Heirat das Wünschen aufhört und die Ehe beginnt. Sondern das Märchen ist die Geschichte des unerbittlichen Müssens, wo der Lohn nur demjenigen winkt, der seinen vorherbestimmten Auftrag erfüllt. Wer um seinen Liebsten freit, kann sich nicht anderweitig umschauen; wer die Prüfung bestehen muß, kann nicht ungeschoren vorher in den Alltag abdrehen. Deshalb gehören zum Märchen die Grausamkeiten, die den Verlierer für seine Vermessenheit bestrafen, sich dem Glück anmaßend genähert zu haben. Von den Figuren in „Teufelsbrück“ werden am Ende wohl nur zwei überleben, eine davon geschlagen mit Wahnsinn und in der sanften Obhut der Psychopharmaka. Nur wer nicht gestorben ist, darf heute noch erzählen: Die Verlierer aber tanzen in glühenden Schuhen aus der Welt.

          Der Schuh, so heißt es schon früh im Roman, ist das „Losungswort“: Rot ist er im Märchen, passend nur dem Fuß der Auserwählten. Aus diesem Wahrzeichen der inneren Tugend macht „Teufelsbrück“ einen Zwitter, halb Kleidungsstück, halb Fetisch, ein Ding zwischen Konsumware und Tick. In Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ ist nachzulesen, welche Freuden dieser Gegenstand schenken kann. Zara hat eine exotische Sammlung dieser Lustobjekte zusammengetragen, und Narren dieser vermeintlich bodenständigen Schuhe sind sie alle. Da wird gewackelt auf halsbrecherischen Exemplaren, geschlurft auf platten Sohlen, entblößt im erotischen Moment. Jeder Fuß spreizt sich, wenn er ans Licht geholt wird, als müsse er seine Ferse schützen.

          Kronauers Phänomenologie war immer zauberanfällig

          An diesem einen Ding vollführt Kronauer stellvertretend ihren Ringelreihen der undeutlichen Bedeutung: Was ist der Schuh? Dem Konsumenten ist er Luxus, dem Fetischisten ein Objekt der Anbetung, den Märchenkennern ein Rätsel. Mit einem Bein steht er in der Gegenwart, mit dem anderen im Zauberwald. Kronauer kreuzt alle diese Sehnsüchte, findet verliebte Worte für verlottertes Leder. Ein Schuh ist ein Schuh ist kein Schuh: Man kann ihn einfach tragen, auffordernd abstreifen, schmerzstöhnend wegschleudern, man kann mit ihm verführen, versagen. So steht der Schuh vor einem und will belauscht sein, denn sein Geheimnis kommt auf leisen Sohlen.

          Brigitte Kronauer hat immer schon die kleinen, toten Dinge solange in den Blick genommen, bis sie im Formaldehyd der präparierten Beobachtung still schwammen. Mit ihrer Genauigkeit wollte sie sich durchs Sichtbare bohren, die Tiefe an der Oberfläche finden. Wer nachlässiger als die Schriftstellerin war und nicht so genau auf ihre Texte schaute, der konnte diese Erzählweise für träge halten - er übersah die flirrende Konzentration. Jeder Satz glich einer langen Kontemplationsübung, und ganz an seinem Ende, kurz bevor der Satzpunkt den Gong schlug, stieg für einen Moment wundersames Leben aus den Dingen hervor. Brigitte Kronauers Phänomenologie war immer zauberanfällig, der hypnotische Blick kehrte, wie durch einen Spiegel gelenkt, zu sich zurück.

          Eine Liebe von so großer Tödlichkeit ist ein Vergnügen

          Glückt das Verfahren, sprechen wie in einem Märchen die Dinge - mißglückt es, täuscht einen die eigene Bauchrednerei; dann lauscht man selbstverloren den ideenfixen Worten. Nichts - kein Ding, kein Mensch, kein Bild - tritt in „Teufelsbrück“ auf, das nicht lang und breit, wortselig und sinnschwer vor allem von Maria Fraulob gedeutet wird. Der Höhepunkt dieser Auslegungsverführungskunst ist eine Altarbeschreibung. Das Triptychon mit seinen sieben Szenen aus dem Leben Jesu übersetzt Zara in „heilige Schnurren“, aus den Inbildern der Frömmigkeit macht sie einen „St.-Wasch-mir-den-Fuß-Altar“. Wo die biblischen Gestalten - im besten Sinne: gedankenlos - dem Auftrag des Herrn gehorchen, erzählt Zara ihr Leben als psychologische Fallstudie. Warum küßte Judas so verräterisch, warum folgte Petrus so gläubig nach? Diese Lebensgeschichten schlagen die zuhörenden Romanfiguren und den Leser gleichermaßen in ihren Bann - und sie lassen keinen Zweifel, daß sie die Erlösung pervertieren, also Versuchung sind. Zaras Exegese ist ein Teufelsdienst, in dem die Phantasie im Dienste des Frevels steht. Die Heiligen verwandelt sie wie Circe in Tiere, ihr heiliges Tun in Seelenklempneralltag. Die Brüder Grimm in gottloser Walpurgisnacht: Wer dieser Geschichtenerzählerin lauscht und sich von ihrer blasphemischen Poesie einfangen läßt, hat ihrem Zauber fortan zu gehorchen. Der Kunst zu nahe gekommen, droht ihnen der Tod.

          Niemand kann im ersten Durchlesen des Romans entdecken, welche Vexierspiele Brigitte Kronauer alle in ihn eingewoben hat: Hölderlins Gedicht „Heidelberg“ als Ausflugsführer (“Wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt, / Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt, / Leicht und kräftig die Brücke“), eine Party als „Scharade in sieben Bildern“ und Altar-Spiegelung, E.T.A. Hoffmanns „Goldener Topf“ als Handlungsanweisung . . .: Es gibt viele dieser Rätsel, aber man muß sie nicht alle lösen. Wichtig ist nur, ihre Anwesenheit auf Zeilentritt und -schritt zu ahnen, die unheimlich ausgelegte Spur, „Zeichen, nicht eindeutig, aber großartig“.

          Auf diesen Taumel der Interpretationen wird mancher Leser mit Unwillen reagieren und dem Buch einen sperrigen Kunstwillen vorwerfen. Tatsache ist, daß „Teufelsbrück“ nicht leicht, nicht zwischendurch zu haben ist. Ganz früh ist in diesem Buch vom „Zwillingsgenuß“ die Rede, „Gefühl von Erkenntnis durchleuchtet“. Zwischen Gefühl und Erkenntnis muß der Leser wie zwischen Scylla und Charybdis wohlbehalten hindurch, wenn er am Ende diesen Roman als ein Abenteuer erkennen will, wie es nicht oft eines in der Literatur zu bestehen gibt. Ein Roman mit so lyrischem Satzklang, eine Naivität von solcher Klugheit, eine Liebe von so großer Tödlichkeit ist ein Vergnügen, daß man sich erarbeiten muß.

          Ein Medusenhaupt, in das man nicht ungestraft blickt

          Erst am Ende klärt sich die Erzählsituation auf. Die ganze Zeit über hatte Maria Fraulob jemanden in direkter Rede angesprochen, als sei der Leser, der stumme Therapeut gemeint. Erst jetzt erfährt man, daß Maria an neun Abenden in einem verschneiten Berghotel die Katastrophe des vergangenen Jahres so wiederholt, als sei sie eine Scheherazade, die dem Wachbleiben ihr Leben verdankt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Je anspielungsreicher sie diese unglaubliche Leo-Liebe zum Märchen verfremdet, je mehr ihre Worte den Lockvogelstimmen gleich werden, desto dichter zieht sich der Strick um ihren Hals zusammen. Hier erzählt sich jemand aus dem Leben heraus, der ohnehin schon alles verloren hat. Brigitte Kronauer bereitet dieses Ende mit leidenschaftlicher Kühle, mit einer Poesie der Guillotine und dem Singsang des Hospitalismus. Es waren die Lockvögel vermeintlicher Bedeutung, die mit ihrem leitmotivischen Tirilieren die Erzählerin in den Abgrund lockten. Wer das Märchen nicht lebend verläßt, verdient auch kein Mitleid.

          Dieses große Buch hat ein großes Vorbild, das Brigitte Kronauer selbst vor Jahren einmal gedeutet hat: Hofmannsthals „Märchen der 672. Nacht“, die Geschichte vom Kaufmannssohn, der sein Leben von Zeichen umstellt sah und es darüber verlor. Nichts ist grausamer, so wußte der Jugendstil, als diese Verwechslung von Poesie und Alltag. „Zuletzt“, so heißt es vom Kaufmannssohn, „erbrach er Galle, dann Blut und starb mit verzerrten Zügen, die Lippen so verrissen, daß Zähne und Zahnfleisch entblößt waren und ihm einen fremden, bösen Ausdruck gaben.“ Auch „Teufelsbrück“ ist ein solches Medusenhaupt, in das man nicht ungestraft blickt.

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