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Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel : Der Tanz um König Hans

  • -Aktualisiert am

Bild: Klett-Cotta Verlag

Brigitte Kronauer taucht ins „Gewäsch und Gewimmel“: Der neue Roman der Büchnerpreisträgerin präsentiert sich als ein unbeherrschtes Amalgam aus Stimmen und Eindrücken. Das ist nicht ohne Kunstfertigkeit, allerdings auch ziemlich ungenießbar.

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          In diesem Roman aus drei gleichlangen Teilen steht im Zentrum des „Zweiten Teils“, der das genaue Mittelstück des Buchs einnimmt, ein eher mittelmäßiger, mittelgut aussehender Mann mit dem recht unauffälligen Namen Hans Scheffer. Insgesamt treten außerdem, einmal geschätzt, mindestens zwei Dutzend weitere Personen auf, die in einem irgendwie gearteten engeren oder weiteren Zusammenhang mit der Praxis der Physiotherapeutin Elsa Gerlach stehen, die im Buch gern als „Krankentherapeutin“ bezeichnet ist – irgendwie doppelt gemoppelt, tautologisch oder pleonastisch jedenfalls: „Jeden Morgen, sagt sich die Krankentherapeutin Elsa, masert, mustert, zerstückelt mich die verfluchte Zeitung und will für den Resttag mich und meine Patienten erledigen.“ Doch: „Bin auf der Hut und fasse Mut, fasse Courage für die Massage.“ Dabei darf „Zeitung“ als pars pro toto verstanden werden für die Kontingenz von Wahrnehmungen, Reden, Informationen und Reizen, die in Elsas Praxis geschwemmt werden. Überhaupt ist das Buch (strikt in der alten Rechtschreibung) ein Klassentreffen der Stilfiguren in Worten und Sätzen, dass die Stilblüten nicht ausbleiben, ist als Absicht zu verzeichnen, als Tribut an die Ironie. Dafür lässt sich ein Feinsinn entwickeln, und wer sich auf Brigitte Kronauer einlässt, darf damit rechnen.

          Aber jetzt hat es die vielfach preisgekrönte Autorin doch etwas zu weit getrieben, auf mehr als sechshundert Seiten. Da sind die Pferde mit ihr durchgegangen, die sie so liebevoll, nachgerade als Erscheinungen an der Grenze zwischen Natur und Kultur – um die es, neben einer Menge anderer Dinge, auch geht –, sprachlich streichelt. Auch dem geneigtesten, auf Prosa-Langstrecken erprobten Leser kann da unterwegs – es wird ja ziemlich viel gewandert, in Gebirg und Ebene –, der Geduldsfaden reißen. Weil nämlich in „Gewäsch und Gewimmel“ kein kleinstes Bändchen ihn an nur eine Figur aus der ganzen Personnage binden will – oder kann. Nicht einmal an jene bemerkenswerte alte Dame Luise Wäns, aus deren Blickwinkel eine Art Erzählung sich vollzieht eben im Mittelteil, der, in jeder Bedeutung des Worts, das Herzstück bildet. Luise Wäns’ Erwägungen und Beobachtungen, ihre lebensherbstliche Vernarrtheit in besagten Hans Scheffler und die Ansprachen an ihren kleinen Strohhut bei ihren Spaziergängen geben auch das Filetstück des Buchs ab: kein bloß an den Haaren herbeigezogener Vergleich, weil der sympathische Bio-Metzger Wilhelm Hehe – das „Hehe“ ist zugleich Signum seiner Lachfreudigkeit auf seinen Wursttüten –, der ein Mitglied jener gemischten Gesellschaft ist, die sich im Haus von Luise Wäns und ihrer unglückseligen unschönen Tochter Sabine trifft, allzu früh versterben muss; dies unter Zurücklassung seiner Gefährtin Ilona, der „schönen Slawin“. Überhaupt sind es Attribute und Epitheta, mit denen Kronauer in ihrer Lust an Repetition und Zuspitzung ihr Personal bedenkt. Nein, nicht charakterisiert, es bleibt bei Larven, die marionettenhaft an den Fäden ihrer Schreibkunst hampeln.

          Form- und zielloses Wabern

          Wie also sieht dieses Lesefutter aus? Im ersten Teil sind aphoristisch und anekdotisch, in Märchen- oder Fabelmanier aus verschiedensten Perspektiven und unter fettgedruckten Zwischenüberschriften Fetzen aus den Leben diverser Existenzen versammelt; sie fordern Aufmerksamkeit regelrecht ein. Immer wieder schaltet Kronauer „Rätsel“ dazwischen, von denen manche sogar die Lektüre abfragen, ein ziemlich oberlehrerhafter Zug, auch wenn das als gewissermaßen diskursimmanentes Exempel auf die Konzentration des Lesers gedacht ist. Generalthemen sind das Altern, das Wissen um den Tod und die bedrohte Umwelt, gespiegelt in der Fragilität zwischenmenschlicher Verhältnisse; von Beziehungen im emphatischen Sinn ist besser nicht die Rede. Kein Wunder, dass solche, Leiber und Seelen ergreifenden Wucherungen in einer physiotherapeutischen Praxis Eingang finden – und ihren Ausgang auch. Entsprechend diffundiert die schon eingeführte Belegschaft auch in den dritten Teil.

          Die Idee ist bezwingend, und Kronauer mag sich überlegt haben, wie sie diesen tollen Stoff ordnet. Und da trifft sie, die Herrscherin über Sprache, eine zweifelhafte Entscheidung: Sie setzt einen Kerl als Dreh- und Angelpunkt ein, der sich der Renaturierung eines Stücks Land nah Hamburg widmet, seine Arbeitsplatzbeschreibung wird nie klar. Doch sein Reich ist ein „Schutzgebiet“. Seine Existenz – als „unser Herr Hans“ – ist codiert über unberechenbares Erscheinen in der erhitztgeschwätzigen Tischgesellschaft, die sich bei Mutter und Tochter Wäns im Tristanweg8 (wie hübsch!) versammelt: „Mußte nicht jeden Augenblick unser Zentrum mit Glanz und Pomp in unserer Mitte an seinem angestammten und allein richtigen Platz eintreffen? Mein Gott, jeder und jede von ihnen freute sich auf spezielle Weise. Natürlich wollten sich die Herren, deren Empfindungen nicht geringer waren als die der Frauen, die Gefühle nicht so anmerken lassen.“ Dieses „mein Gott“ ist das Gegenteil einer zufälligen Floskel, um dieses Zentrum – ohne jede Plausibilität, aber das soll vielleicht gerade der Trick sein – wabert das Geschwafel, bis es zerfällt.

          Fad und ohne Lustgewinn

          Brigitte Kronauer schreibt ihre ganze lange, zerklüftete Suada gewissermaßen als Statthalterin jener vielberufenen abhandenen Autorschaft, als vollstrecke sie vorauseilend das strukturalistische Credo. Eine Menge zerhauener, unheilbar auseinandergefallener Subjekte treiben in einem Schreibstrom, dem Kunstfertigkeit zu bescheinigen ist, nicht aber unaufhaltsame Wucht. „Gewäsch und Gewimmel“ provoziert die Rückwendung des mutwilligen Titels nicht auf sein Thema, sondern auf das Buch selbst.

          Vielleicht hat sich die leichthändige Brigitte Kronauer an diesem Vorhaben einfach überhoben. Auch wenn viele Fäden wieder aufgenommen sind: Aus all diesen Partikeln des Humanum können – und sollen wohl – keine Menschen aus Fleisch und Blut werden. Der Titel „Gewäsch und Gewimmel“ vollstreckt sich so auch als Programm. Dass in dem Panoptikum die Macht computerisierter Vernetzung (bis auf das allerletzte, arg aufgesetzte Aperçu „Das Internetkindchen“) praktisch ausgespart ist, muss als Kunstgriff durchgehen. Wie es auch nicht ohne Witz ist, dass ausgerechnet Hans Scheffer die Botschaft der schieren Oberfläche formuliert, schon relativ früh: „Da haben wir’s. Die Leute sind nichts weiter als aus dem Zusammenhang gerissene, daher unverständliche Zitate!“

          Diese einigermaßen banale Erkenntnis trägt nicht durch ein Buch, das sie ständig ratifiziert, als eine im Scheitern monumentale Versuchsanordnung, deren Ingredienzien nicht reichen. Als habe sie das selbst geahnt, lässt Kronauer den entthronten „König“ seines verkommenden „Schutzgebiets“ gegen Ende zu Luise Wähns sagen: „Nebenbei, Frau Wäns, kostenlos eine kleine Überlebensweisheit: Man muß, in Gefühls- und Phantasiedingen, immer irgendwann energisch einen Schlußpunkt setzen, sonst ist es aus mit der Freude an Essen, Trinken und vor allem am Undsoweiter.“ Und auch mit der Freude am Lesen, es gähnt sonst hinter der Überfülle die Leere.

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