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Brigitta Eisenreich: Celans Kreidestern : Sprich, Schublade, sprich

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Bild: Suhrkamp

Brigitta Eisenreich war viele Jahre die Geliebte von Paul Celan. Dass der Dichter der „Todesfuge“ im Leben wie in der Literatur ein großer Liebender war, das zeigt überzeugend der Bericht „Celans Kreidestern“.

          Von der ehemaligen Geliebten eines berühmten Dichters, die erst ein halbes Jahrhundert später ins Licht der literarischen Öffentlichkeit tritt, könnte man eine Fuhre Allzumenschliches erwarten. Die einundachtzigjährige Brigitta Eisenreich erhebt subtilere Ansprüche. In die vielbearbeiteten Claims der Celan-Philologie dringt sie ein und sagt: Ich war’s! Ihr habt es nur noch nicht gewusst.

          Wer ist diese Frau? 1928 wurde sie in Linz geboren, als spätes Kind von Eltern, die noch in der Habsburgermonarchie des neunzehnten Jahrhunderts groß geworden waren. Einleitend schildert sie ihre Jugend, überschattet von Diktatur und Krieg, ihre Annäherung an katholische Widerstandskreise. 1951 begann sie ein neues Leben in Paris, zunächst als Au-pair-Mädchen mit Zimmer unterm Dach eines Bürgerhauses. Dann studierte sie Anthropologie; später arbeitete sie als Afrikanistin und forschte zur Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie.

          Er suchte Trost, Ablenkung, Zuflucht

          Im Frühjahr 1952 machte sie ihr Bruder, der Schriftsteller Herbert Eisenreich, in einer flanierfreudigen „Nacht voller Zauber“ mit dem zweiunddreißigjährigen Paul Celan bekannt, der damals im Quartier Latin lebte. Die Beziehung kam ein Jahr später in Gang; inzwischen hatte Celan, der dem Holocaust knapp entronnene Dichter aus der Bukowina, die wohlhabende Gisèle de Lestrange geheiratet und sich dadurch gewissermaßen das Heimatrecht in Frankreich verschafft. Eines Abends stand er vor dem Bürgerhaus und pfiff Brigitta Eisenreich herunter, mit einem Motiv aus Schuberts „Unvollendeter“. Kurz zuvor war sein erster Sohn nach schwerer Geburt gestorben; womöglich suchte er Trost, Ablenkung, Zuflucht.

          Neun Jahre verband die beiden eine mehr oder weniger „heimliche“ Liebe. Celan sei „ein Verführer“ gewesen, mit einem „Repertorium an Zauberkünsten“, schreibt Eisenreich. Und sie selbst hatte dem durchaus etwas entgegenzusetzen: „Mir war bewusst, dass die starke physische Anziehung, die Celan für mich empfand, ihn beunruhigte.“ Aber warum begnügt sich eine junge Frau so lange mit der Rolle einer Nebenbei-Geliebten? Sie spürte offenbar, dass dieses Verhältnis Epoche machen würde – in ihrem Leben und nun auch in der Literaturgeschichte.

          Albträume von Celans Frau

          Gelegentlich ist in bei ihr noch heute Rivalität zu spüren, vor allem gegenüber der anderen Geliebten, der Großdichterin – Ingeborg Bachmann. Wie konnte Celan seiner Frau diese „letzten Endes entgleiste Passion“ zumuten? „Ich persönlich fand Bachmanns Gedichte spröde ... Aber ich glaube nicht, dass ich das Celan sofort sagte, sondern erst viel später. Er meinte dann dazu, dass sie, als Person, wirklich sehr eindrucksvoll und charmant sei.“ Im Übrigen verschweigt sie nicht, dass Gisèle Celan-Lestrange Albträume protokollierte, in denen sie selbst, Brigitta Eisenreich, der Schrecken war (im Anhang nachzulesen). Immerhin, für den Freund der Frauen sei das Verhältnis zu ihr die „unbeschwerteste unter allen seinen damaligen Verbindungen“ gewesen. Da ist der Musen-Verdacht hoch.

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